Kultur : Leopold, wir gehn!

Mozart-Glück: Simon Rattles Silvesterkonzert mit den Berliner Philharmonikern

Sybill Mahlke

Der erste Sektkorken springt, die Musik schäumt auf, mit Eroberergestus präsentieren sich die Anfangstakte, Fin de siècle, Pomp. Denn die Berliner Philharmoniker geben ihr Silvesterkonzert in der Philharmonie, und sie spielen die Tondichtung „Don Juan“ von Richard Strauss. Die Komposition selbst will, dass nach dem „schönen Sturm“ des selbstgewissen Siegens, den ein dramatisches Gedicht von Nikolaus Lenau ausgelöst hat, Nachdenklichkeit einkehrt, ein dramaturgisch geschickt eingefädeltes Versinken ins Nichts.

Das Orchester in großer Chef- und TV-Besetzung, beispielsweise mit seinen drei Solobassisten an den ersten Pulten der Kontrabässe, zeigt sich des frühen Strauss-Klanges durchaus mächtig. Zumal wenn Simon Rattle nicht zu sehr auf die Pauke haut und die Violine Daniel Stabrawas oder die Soli der ruhmreichen Holzbläser sensiblen Einhalt gebieten. Da atmet die Interpretation des Chefdirigenten mit seinen Musikern.

Strauss-Orgie und Strauss-Besinnlichkeit – „Don Juan“ und das Finale des „Rosenkavaliers“ – rahmen das Wunder des Abends. Die Zwiesprache von Solo und Tutti kann nicht harmonischer gelingen als in dieser glücklichen Stunde, da Mitsuko Uchida das Klavierkonzert d-Moll KV 466 spielt: Es ist Wolfgang Amadeus Mozarts erstes Konzert in Moll, und die Pianistin nimmt die Vorgaben der Philharmoniker mit einer Klarheit auf, die ein Zwischenreich aus Wiener Virtuosensphäre und Tiefe der Welt betritt, um sie an das Orchester zurückzugeben. Entwickelte Streicherarbeit und zauberhafte Figurationen des Fagotts, beseelter Umgang Uchidas mit den Moll- und Dur-Charakteren der Musik, eine Zartheit, die sich stets behauptet. Es ist die leidenschaftliche Kammermusikerin, die aus der Solistin Mitsuko Uchida spricht. Seit 1984 ist sie als Gast mit den Philharmonikern verbunden.

„Der Rosenkavalier“ lässt Wünsche offen, weil er den Charme einer Bühnendarstellung nicht erreichen kann. „Wie, hat sie was gesagt?“ fragt der verlegen zwischen zwei Frauen, der Feldmarschallin und der kleinen Sophie, stehende Octavian. Und man ist geneigt, sich der Frage anzuschließen.

Denn im Finale des dritten „Rosenkavalier“-Aufzugs ist bei dieser konzertanten Aufführung im Saal kaum etwas vom Text zu verstehen, geschweige denn zu begreifen, welche Irrungen und Wirrungen der Gefühle in Hugo von Hofmannsthals Konversationsstil behandelt werden: „Er ist ein echtes Mannsbild, geh’ Er hin!“ Und dazu die innersten Empfindungen der Marschallin: „Heut oder morgen oder den übernächsten Tag. Hab’ ich mir’s denn nicht vorgesagt? Das alles kommt halt über jede Frau.“

Vielleicht gelingt es eher den Kameras und Mikrofonen, die aufwändig im Einsatz sind, das Klangdickicht zu durchdringen.

Hier müssen wir uns an den mühelosen Höhenklang halten, mit dem die Finnin Camilla Nylund in der Partie der Marschallin das berühmte Terzett einleitet: „Hab mir’s gelobt, ihn lieb zu haben in der richtigen Weis’“; an den anmutigen Sopran der Amerikanerin Laura Aikins als Sophie und an die sehr empfindsamen Töne des Octavian der deutsch-griechichen Mezzosopranisten Stella Doufexis (im Freitagskonzert anstelle der erkrankten Magdalena Kozena).

Was bei der bunten Besetzung unter der Leitung von Sir Simon eine rechte „Wienerische Maskerad’“ nicht werden will, leitet auf überraschende Weise der Bariton Dale Duesing ein.

Der Sänger, dem in der Rolle des neureichen Herrn von Faninal nur ein einziger Satz dieses Finales vergönnt ist – „Sind halt aso, die jungen Leut’! – , leiht sich einen weiteren vom Baron Ochs aus. Der ist in der Oper, dieser geliebten „ Komödie für Musik“, eigentlich längst abgetreten.

Hier nun erscheint ein Don Juan, der es mit seinem „Lerchenauisch Glück“ ins Seniorenalter gebracht hat. Bevor die Sängerinnen einsetzen, räumt er das Feld mit dem munteren Ruf: „Leopold, wir gehn!“ Auf zum Champagner also und zur Feier ins Neue Jahr!

Das Konzert wird am heutigen Silvestertag um 17.30 Uhr vom Zweiten Deutschen Fernsehen live ausgestrahlt.

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