Kultur : Les intellectuels

Es war ein Schimpfwort. Dann eine Ehrbezeichnung. Heute hat der Prominente den Intellektuellen als Sprachrohr des Publikums abgelöst

Harald Martenstein

Was ist überhaupt ein Intellektueller? Woran erkennt man den denn? Ein Intellektueller muss jedenfalls nicht zwangsläufig intelligenter sein als andere, so viel steht fest. Jemand, der schreibt oder auf sonstige Weise kreativ ist oder besonders gebildet ist und sich politisch engagiert? Ist das eine brauchbare Definition? Eines aber weiß man genau. Heute, am 13. Januar, hat die historische Figur „der Intellektuelle“ Geburtstag. Geboren wurde sie am 13. Januar 1898.

Emile Zola, Sohn eines Bauingenieurs, fällt durchs Abitur, danach treibt er so dieses und jenes, zum Beispiel arbeitet er als Werbechef beim Pariser Verlag Hachette. Mit Mitte zwanzig beginnt er, Romane zu schreiben. Mit dreißig ist er berühmt. Dass Zola, Jahrgang 1840, zum erfolgreichsten französischen Autor seiner Zeit aufsteigt, hängt allerdings nicht mit seiner literarischen Methode zusammen. Ganz im Gegenteil.

Zola gehört zur Schule der Naturalisten, das heißt, er glaubt weder an den Zufall noch an den freien Willen, noch an Psychologie. Zola glaubt, dass der Mensch so durchschaubar ist wie eine Maschine. Seine Handlungen seien vorhersehbar wie Ebbe und Flut. Drei Faktoren, glaubt Zola, bestimmen und lenken uns alle: die Abstammung, heute würde man es wohl „Gene“ nennen, die historischen Umstände und das Milieu. Auf der Basis dieses Weltbildes, das meistens „mechanistisch“ genannt wird, schreibt Zola einen zwanzigbändigen Romanzyklus, ein Familienepos, sein Hauptwerk.

„Die Rougon-Macquarts“ waren eines der kühnsten und verrücktesten Projekte der Literaturgeschichte – der Versuch, auf 10 000 Seiten ein Land mit all seinen Milieus und sozialen Klassen vollständig und wissenschaftlich zu beschreiben. Ein Autor erfindet Figuren, deren Schicksal durch die Umstände ihrer Geburt von vornherein feststeht, Figuren ohne Schicksal, ohne Entscheidungsfreiheit. Es ist klar, dass der Trinker ein Trinker bleiben wird, der Revolutionär ein Revolutionär, die Prostituierte eine Prostituierte. Es müssten entsetzlich langweilige Romane sein. Tatsächlich werden die „Rougon-Macquart“ ein Triumph des erzählerischen Temperaments über die naturalistische Ideologie. Bücher wie „Nana“, „Germinal“ oder „Der Totschläger“ sind auch heute noch wunderbar lesbar, nur die schwächeren Zola-Romane klingen nach heutigem Geschmack weitschweifig und schwülstig.

Aber hier geht es nicht um Literatur. Hier geht es um Journalismus.

Bei Zola verschwimmt diese Grenze. Er ist einer der ersten Autoren, die der Fantasie misstrauen und an die Recherche glauben. Für seine Romane fährt er in die Schächte der Kohlengruben und in den Führerständen von Lokomotiven, er führt Interviews in Bordellen, Armenkirchen und billigen Kneipen, skrupellos beutet er die Biografien seiner Freunde und seiner Geliebten aus. Zolas Romane scheinen dem wirklichen Leben so nahe zu sein wie keine Literatur zuvor, deswegen wird er so erfolgreich und fast eine Art Volksheld. Die trostlose Lage des Proletariats wird dem bürgerlichen Frankreich erst durch Zolas Romane bewusst, er selbst nennt diese Romane „angewandte Soziologie“.

1894 findet eine Pariser Putzfrau, die gleichzeitig französische Geheimagentin ist, in einem Papierkorb der deutschen Botschaft einen Brief. Aus dem Brief geht hervor, dass es im französischen Generalstab einen deutschen Spion gibt. Der Verdacht fällt sofort auf das einzige jüdische Mitglied des Generalstabes, den Hauptmann Alfred Dreyfus.

Dass die Juden und die Deutschen unter einer Decke stecken, leuchtet vielen Franzosen sofort ein. Allerdings gibt es bei dem bis dato unbescholtenen Monsieur Dreyfus weder ein persönliches Motiv noch einen Beweis, noch überzeugende Indizien. Der Prozess ist eine Farce – die „Beweise“ der Ankläger werden zum Teil nur den Richtern gezeigt, nicht den Verteidigern. Ein Gutachten eines der angesehensten französischen Grafologen ergibt, dass der Brief des Verräters nicht von Dreyfus geschrieben wurde. Bereits vor Prozessbeginn aber hat der Kriegsminister erklärt: „Dreyfus’ Schuld ist absolut erwiesen.“ Nicht nur er, sondern der gesamte Generalstab haben sich in einer Weise auf diesen Täter festgelegt, dass seine Verurteilung zu einer Prestigefrage für das französische Militär geworden ist. Es heißt, der Hauptmann habe eben seine Schrift verstellt.

Als Journalist sitzt Theodor Herzl im Saal, der Mann, der wenig später ein Buch veröffentlichen wird, in dem er zur Gründung eines jüdischen Staates aufruft. Der Dreyfus-Prozess bestärkt den Vater des Zionismus in seiner Meinung, dass die Juden in Europa keine Fairness zu erwarten haben, auch nicht vor Gericht. Überall im Land kocht in diesen Wochen der Antisemitismus hoch, Hauptmann Dreyfus wird zu lebenslanger, verschärfter Verbannung auf der Teufelsinsel verdammt, Einzelhaft vor der Küste Südamerikas. Vor Soldaten aus allen Pariser Garnisonen und einer brüllenden Menge werden ihm die Rangabzeichen Stück für Stück von der Uniform gerissen, sein Säbel wird zerbrochen.

Um die Schuld oder Unschuld von Dreyfus tobt in den folgenden Jahren ein Meinungskampf, nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa. In diesem Kampf geht es nicht um das Schicksal eines einzelnen Mannes, sondern um das Selbstverständnis des Landes, vielleicht sogar Europas. Liberale Demokratie oder autoritärer Obrigkeitsstaat, Menschenrechte für alle oder Menschenrechte nur für einige, Vorrang für den Rechtsstaat oder Vorrang für das sogenannte nationale Interesse? In einigen Details erinnert dieser Streit an amerikanische Debatten der Ära George W. Bush.

Das Lager der Dreyfus-Verteidiger gewinnt an Boden, nachdem 1896 belastendes Material gegen einen anderen Offizier auftaucht, den stark verschuldeten Major Esterhazy.

Zola ist von Dreyfus’ Unschuld nicht sofort überzeugt, nur der Antisemitismus der Dreyfus-Verfolger stößt ihn von Anfang an ab. Sein erster Text zur Affäre, im „Figaro“, seinem Stammblatt, trägt den Titel: „Für die Juden“. Es ist ein Manifest gegen den Judenhass. Der Name Dreyfus wird nicht einmal erwähnt.

Erst im Herbst 1897 schließt sich Frankreichs, wie man heute sagen würde, Bestsellerautor Nummer eins dem Lager der „Dreyfusards“ an. Zola verfasst für den „Figaro“ mehrere Artikel, die in vorsichtigen Worten eine Revision des Urteils anregen. Es geschieht auch etwas. Etwas, womit Zola nicht gerechnet hat: Der „Figaro“ bekommt nach zahlreichen Kündigungen von Abonnenten kalte Füße und trennt sich von seinem berühmten Autor. Damit wecken sie seinen Kampfgeist. Menschen, die es schaffen, in ein paar Jahren 10 000 Seiten zu schreiben, sind oft auch in anderen Zusammenhängen hartnäckig.

In den folgenden Monaten wird tatsächlich ein Verfahren gegen Esterhazy eröffnet, und Zola veröffentlicht auf eigene Kosten, als Broschüren, zwei „offene Briefe“ gegen Fremdenfeindlichkeit, für Menschenrechte. Sein Ton verschärft sich. Am 11. Januar wird Major Esterhazy, der wahrscheinliche Täter, freigesprochen. Die entlastenden „Beweise“ hat der Generalstab fälschen lassen, wie man heute weiß und damals ahnt.

Für ihre Ausgabe vom 13. Januar räumt die kleine, auf Literaturliebhaber spezialisierte Zeitung „L’Aurore“ ihre gesamte erste Seite und einen Teil der zweiten für einen der aggressivsten, polemischsten und erfolgreichsten Texte in der Geschichte des Journalismus frei, für das Meisterwerk des Emile Zola, seinen offenen Brief an Felix Faure, den Präsidenten der Republik.

„L’Aurore“ hat normalerweise eine Auflage von 20 000 Exemplaren, an diesem Tag sind es 200 000. Der Artikel trägt als Überschrift einen Satz, der im Text achtmal vorkommt wie der regelmäßige Schlag einer Glocke: „J’Accuse“, ich klage an. Dies also ist die Geburtsstunde einer Figur, der die Weltgeschichte bis heute begleitet, in glücklichen und weniger glücklichen Verkörperungen, unter Namen wie Jean-Paul Sartre, Günter Grass, Heinrich Böll, Susan Sontag, Alexander Solschenizyn, Michael Moore oder Rolf Hochhuth. Alles ist da, was den engagierten Intellektuellen ausmacht: das moralische Pathos und die Selbstgewissheit, die Vereinfachung, der rhetorische Glanz, etwas, was die einen Anmaßung und Selbstüberschätzung nennen, die anderen Mut. Zola sieht sich mit dem Präsidenten auf Augenhöhe, er behauptet, die Wahrheit zu kennen, er verwirft aus eigenem Recht, dem Recht des erfolgreichen Autors, ein Gerichtsurteil. Dabei stellt er, wie ihm Historiker heute vorrechnen, in schneidendem Ton eine Reihe falscher Behauptungen auf. Zola tut nur so, als sei er allwissend. „J’Accuse“ ist, von heute gesehen, ein starkes Pamphlet auf schwachen Beinen. Aber darauf kommt es nicht an. Auf die Wirkung kommt es an.

Zola ist dabei ein privat eher schüchterner Mann, gepeinigt von zahlreichen Ängsten, nicht frei von Wehleidigkeit, fast eine Woody-Allen-Figur. Aber er möchte unbedingt angeklagt werden, wegen Verleumdung. Darin sieht er die einzige Chance, den Fall Dreyfus trotz des Freispruches von Esterhazy neu aufzurollen. Aus der Affäre des machtlosen Hauptmanns D. soll die Affäre des Großschriftstellers Z. werden. So geschieht es auch. Zola wird zu einem Jahr und einem Monat Gefängnis verurteilt, während in Paris tausende Demonstranten seinen Tod und den Tod aller Juden fordern, rechtzeitig vor dem Haftantritt flieht er nach England. Zola spricht kein Wort Englisch, befürchtet, ausgeliefert zu werden, ist einsam, mag die englischen Hotels nicht. Er leidet.

Jeder Franzose weiß, dass am Ende, nach jahrelangen juristischen Kämpfen, Alfred Dreyfus krank und gebrochen, aber lebend von der Teufelsinsel zurückkehrt. Zum zweiten Mal soll er den Hauptdarsteller einer Justizfarce spielen. Sie machen ihm einen zweiten Prozess, verurteilen ihn erneut, aber nur, damit das Militär sein Gesicht wahren kann, anschließend wird er begnadigt. 1906 aber, vor genau hundert Jahren, folgt endlich seine volle Rehabilitation: Dreyfus wird zum Mitglied der französischen Ehrenlegion ernannt.

Zola hat diesen Triumph nicht mehr erlebt. 1902 stirbt er einen rätselhaften, nie aufgeklärten Vergiftungstod, wie es ihn nicht nur im Russland des Wladimir Putin gibt. Zolas Kamin ist verstopft, die Dämpfe ersticken ihn. Jahre später gesteht ein Bauarbeiter die Tat. Die Lektüre rechter Zeitungen habe ihn davon überzeugt, dass einer wie Zola sterben muss. Die französische Justiz verfolgt die Sache nicht weiter, das ist ihre Antwort auf die historische Niederlage in der Dreyfus-Affäre.

In den Sarg des Dichters wird eine Ausgabe des „L’Aurore“ vom 13. Januar 1898 gelegt. „Für einen Augenblick“, sagt sein Kollege Anatole France am Grab, „war dieser Mann das Gewissen der Menschheit.“

Wenige wissen, dass damals ein neues Wort geboren wird. Nach dem 13. Januar unterschreiben etwa 2000 prominente Franzosen eine Solidaritätserklärung mit Zola und Dreyfus, Autoren, Wissenschaftler, Schauspieler, Journalisten, darunter Anatole France und Marcel Proust. Es handelt sich fast um die gesamte geistige Elite des Landes. Maurice Barrès, ein konservativer Romancier und vehementer Dreyfus-Gegner, indes nennt diese Leute in einem Artikel: „Les intellectuels.“

Das Wort, das offenbar im Jahr 1886 zum ersten Mal in einer Zeitung auftauchte, wird jetzt populär. Es ist abwertend gemeint. Eine Schimpfwort. Intellektuelle sind für Barrès Personen, die von Politik keine Ahnung haben, sich aber trotzdem dazu äußern, sich aufspielen und überschätzen, ihre patriotischen Pflichten nicht kennen und den Juden nahe stehen. Die „Intellektuellen“ aber übernehmen das Schimpfwort schon bald selbst und prägen es mit Stolz um – ähnlich wie es Jahrzehnte später die Homosexuellen mit dem Wort „schwul“ getan haben.

Aber wieso war Barrès, der rechte Autor und spätere Parlamentsabgeordnete, nicht selbst ein Intellektueller? Schon bei seiner Geburt besaß das Wort offenbar den Beiklang „links“. So blieb es lange. Wer nur „Intellektuelle“ sagte, ohne Adjektiv, meinte Linke, bei den anderen musste man ausdrücklich von „rechten Intellektuellen“ sprechen.

Der oder die engagierte Intellektuelle ist eine Person, die sich öffentlich gegen staatliche Autorität oder ökonomische Macht stellt. Eine Gegenmacht, die ihre Legitimation weder aus besonderer Kompetenz oder einem Auftrag ableitet, sondern aus der Beliebtheit oder dem Respekt, den die jeweilige Person in der Öffentlichkeit genießt.

Der Intellektuelle gibt vor, für die geistige Elite seines Landes zu sprechen, das ist immer eine Anmaßung und ist trotzdem nie ganz falsch. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Intellektuelle dort, wo demokratische Verhältnisse herrschen, eine Dauererscheinung in Politik und Medien. Und er verwendet dabei im Wesentlichen das bereits von Zola und seinen Gefährten entwickelte Werkzeug, den offenen Brief, die Resolution, das Manifest, die Unterschriftenliste. Die Zahl seiner politischen Siege ist nicht groß, vielleicht war sogar die Dreyfus-Affäre sein bis heute schönster Erfolg.

In den letzten Jahren ist das Rollenbild des Intellektuellen in Deutschland diffuser geworden, das hängt mit den unübersichtlicheren politischen Frontverläufen und der Sozialdemokratisierung des Staatsverständnisses und den Anti-68erAffekten zusammen. Für Martin Walser oder Botho Strauß passt das Etikett „links“ ganz sicher nicht mehr, anders als Barrès gelten sie trotzdem als Intellektuelle. Vor allem aber ist der Intellektuelle als Sprachrohr und Stellvertreter des Publikums von einer anderen Figur abgelöst und teilweise entmachtet worden: dem Prominenten. Die Ära der Intellektuellen dauerte ungefähr ein Jahrhundert lang.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben