Kultur : Lesehilfe

Joachim Huber über den tieferen Sinn der Harry-Potter-Begeisterung

Was ist jedes Jahr am 23. April? Der „Welttag des Buches“, von der Unesco tapfer dazu bestimmt und von niemandem mit großem Fest gefeiert. Das Datum ist hinfällig. Es sollte durch das Erscheinungsdatum des jeweils neuen Bandes in der Harry-Potter-Reihe ersetzt werden. Gestern war dieser neue „Welttag des Buches“. In den USA und in Großbritannien sollten unglaubliche elf Millionen Exemplare von „Harry Potter und der Orden des Phönix“ ausgeliefert werden. Harry Potter schafft, was das Buch nicht häufig genug schafft: Dass die zerstreute Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf dieses Medium gelenkt wird, dass es in den Fokus der anderen Medien rückt. Millionen Menschen gehen online oder in die Buchhandlungen, kaufen dieses Buch und lesen es.

Harry Potter sei dafür Lob, Preis und Dank.

Was das Buch braucht, sind derartige „Buchbeschleuniger“. Viele davon gibt es nicht. Da sind, zunächst einmal, die Tonnen von Potter-Büchern; ein weiterer Beschleuniger ist die fabelhafte Elke Heidenreich, die „Lesen!“ im ZDF propagiert und Literatur meint; da sind schließlich die Prominenten, die ihr Leben von fremden Federn zur Bekenntnis getriebenenen Autobiographie hochschreiben lassen.

Mein Buch, ein Schnitzel? Mindert es die Qualität der feingeistigen Buchware wirklich, wenn in der Buchhandlung neben dem einen Exemplar einer liebevoll aufgemachren Kleinstauflage die Bücherberge klotzen? Nicht die Spur, nur der Feingeist wird Verdruss spüren. Aber der überfällt ihn sowieso, wenn er in der langen Schlange der Promi- und Potter-Käufer an der Kasse stehen muss. Ob er da den schönen Gedanken denkt, dass mancher Mega-Seller schon manche literarische Miniatur hat subventionieren können?

Das Buch braucht jeden Käufer. Dem Markt geht es schlecht, das ist seit einigen Jahren wahr; eine schwarze Null in den Bilanzen gilt schon als ein hervorragendes Ergebnis. Nicht, dass um das Kulturgut Buch gezittert werden muss. Wie die übrigen gedruckten Medien benötigt es allerdings Selbsthilfe, einmal von Büchern, die lukrative Selbstläufer sind, es benötigt mediale Schubhilfen bis hin zur Inszenierung von Bestsellern und Autoren. Es ist von besonderer Werbewirkung, wenn die Potter-Mutter Joanne K. Rowling ihre heißen Tränen beichtet, die sie beim Schreibtod einer ihrer Hauptfiguren vergossen haben will.

Wer gegen die Buchbeschleuniger argumentiert, ja polemisiert, bringt das Buch um die größte Chance, die ein Buch haben muss: raus aus dem Regal und rauf den Tisch des Lesers. Das Buch im Buchladen ist eine tote Ware, erst beim Leser entfaltet es seine vitale Kraft – als singuläres Abenteuer im Kopf.

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