Kultur : Lesen für das Leben

ANJA KÜHNE

Hunderte tragen einen Mann zu Grabe, von Schmerz überwältigt liegen sich Angehörige in den Armen: Die Solidaritätsveranstaltung am Mittwoch für die regimekritischen Schriftsteller in Iran begann mit deutschen Fernsehbildern von der Beerdigung Mohammad Pujandehs.Er gehört zu den sechs oppositionellen Intellektuellen, die Ende vergangenen Jahres im Abstand weniger Wochen vom iranischen Geheimdienst ermordet wurden.Vom Band hörten die 400 Besucher im Haus der Kulturen der Welt die Grabrede der Witwe, Sima Pujandeh: "Ich weiß, daß man die Stimme meines Mannes nicht zum Ersterben bringen kann."

Um zu demonstrieren, daß Morde und Morddrohungen Dichtung nicht verhindern können, waren auf Einladung der Neuen Gesellschaft für Literatur neun deutsche und iranische Autoren gekommen.Pieke Biermann, Daniela Dahn, F.C.Delius, Christoph Hein, Klaus Schlesinger und Faradj Sakuhi, der auf der Todesliste des iranischen Geheimdienstes steht, lasen aus den Werken ihrer toten oder bedrohten Kollegen vor.In Iran sind diese Texte verboten, weil sie Rechte von Frauen einklagen oder das Regime durch Spott unterlaufen.

Wie bewältigt die iranische Literatur das Thema Diktatur? In den meisten Erzählungen, die an diesem Abend vorgelesen wurden, erheben die Autoren sich über das Gewaltregime mit Humor.Mit Melancholie gemischt ist er in Omran Salahis Text.Seine Erzählung spielt darauf an, daß die Regierung in Iran Parfüms als verführerisch und westlich brandmarkt.Der Ich-Erzähler nimmt sich die schönste Blume aus einem Traum mit in die Realität hinüber.Durch die "Musik ihres Duftes" wird sie von einem tumben Geheimdienstler im Kofferraum des Erzählers entdeckt, der Blumenpflücker muß ins Gefängnis."Ich wünschte, die Japaner hätten ein Gerät zur Aufnahme von Düften erfunden", sinniert er in seiner Zelle.Harter Realismus ist dagegen Faradj Sarkuhis "Einfache Geschichte": Hinter Gefängnismauern erinnert sich ein Todeskandidat vor seiner Hinrichtung daran, wie die Folterknechte ihn mit Kabeln wundschlugen und verstümmelten.Das Märchen der Dichterin Moniru Ravanipour, das Pieke Biermann vorlas, zeigt optimistisch den Sieg über das Regime: Mit Trommeln und Liedern verscheuchen die Frauen des Dorfes die unsichtbare Hand, die den Mond erwürgen will.

Die Schriftsteller forderten auf der Veranstaltung politische Konsequenzen aus den Morden: "Ich habe noch kein deutliches Wort vom Außenminister dazu gehört", sagte Faradj Sarkuhi.Christoph Hein appellierte an die Bundesregierung, die Pflicht gegenüber Asylsuchenden ernst zu nehmen.Die Veranstalter sammelten Unterschriften für die "Frankfurter Erklärung".Darin wird gefordert, dem Iran erst dann wieder Kredite zu gewähren, wenn er die Menschenrechte akzeptiert.Auf dem Podium saßen auch der Bruder des seit dem 25.August vermißten regimekritischen Verlegers und Journalisten Pirus Davani sowie Hinterbliebene eines Opfers des Berliner "Mykonos-Anschlags", bei dem Angehörige des iranischen Geheimdienstes Dissidenten im September 1992 in einem Berliner Restaurant erschossen.Für Sonnabend, den 16.Januar, um 14 Uhr, hat die Arbeiterkommunistische Partei Iran zu Protesten vor den iranischen Vertretungen in Berlin, Bonn und Hamburg aufgerufen.

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