Kultur : Lesen gefährdet die Gesundheit - zumindest, wenn es die Eltern allzu gut meinen

Beate Offrich

Sehnsüchtig starrt Leopoldo auf die Sportschuhe. In allen Farben und Formen türmen sie sich vor ihm auf. Was hätte er darum gegeben, auch so ein Paar an den Füßen zu tragen. Aber dieses Glück ist ihm nicht beschieden, denn wiederum, zum wiederholten Male, haben ihm seine Eltern zum nun mehr 8. Geburtstag zwei Bücher geschenkt. Bücher, immer nur Bücher! Dabei hätte er so gern ein paar Sportschuhe bekommen, wie all die anderen Kinder seiner Klasse.

Deshalb ist Leopoldo von zu Hause abgehauen. Er hat es satt immer nur zu lesen. Seine Eltern, von Ute Krause ein wenig böse mit langen Haaren und Vollbart vor meterhohen Regalwänden voller Buchrücken in Szene gesetzt, lesen zu jeder Tages- und Nachzeit. Selbst beim meist missratenen Essen starren sie auf ein Buch. Leopoldo dagegen würde so gern einmal ans Meer fahren oder spazieren gehen. Aber nein, die Eltern haben ihm eine Lesekur verordnet, um ihn gramm-, später sogar kilogrammweise an den Lesegenuss zu gewöhnen. Doch dem buchstabenresistenten Sohn wird es schon schwindlig vor Augen, wenn er ein Buch nur aufschlägt. Sofort beginnen die schwarzen Lettern auf den weißen Seiten zu tanzen.

Der Fernseher wird in einen Müllsack mit drei Vorhängeschlössern gestopft, Videospiele, die Leopoldo ohnehin nicht interessieren, stehen auf dem Index. Bücherungeheuer mit Händen aus Heften und Krimis torkeln ihm im Traum entgegen. Sisyphos gleich radelt er gegen Bücherberge an. Schließlich weint er schon, wenn er ein Buch von weitem sieht. So ist es nur verständlich, dass er mit Sack und Pack von dannen zieht. Sein erstes Ziel ist die Sportabteilung eines Kaufhauses.

Susanna Tamaro hat ein hinreißendes Buch für alle bibliophilen Familien geschrieben. Voller Phantasie und Humor verquickt sie Märchenhaftes mit der herben Realität eines intellektuellen Haushalts und kommt letztendlich zu einer unerwarteten Lösung des Problems, die jung und alt gleichermaßen überzeugen wird. Die bonbonbunten Zeichnungen von Ute Krause unterstreichen aufs Beste Tamaros überschäumenden Esprit. Streng genommen sollte dieses Buch in keiner der meterhohen Regalwände fehlen.Susanna Tamaro: Leopoldo und der Bücherberg. Mit Bildern von Ute Krause. Diogenes Verlag, Zürich 1999. 40 Seiten. 24,90 Mark.

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