Kultur : Lesen geht durch den Magen

Die Literaturagenten Eggers & Landwehr eröffnen ein Café am Rosa-Luxemburg-Platz

Jörg Plath

Um das neu eröffnete Café Eggers & Landwehr zu verstehen, also die vorläufig letzte Entwicklung auf dem Literatur-, Literaturagenten- und Lebensdesignsektor in Berlin-Mitte, müssen wir Walter Benjamins Rat einholen. Der Wert jeder Ware, sagt er im „Passagen-Werk“, sei durch die zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt. Der Flaneur verhalte sich so, als ob er das wisse: Er lasse seine Mußestunden auf dem Boulevard (oder im Café) als einen Teil seiner Arbeitszeit erscheinen, was diese vervielfache und damit den Wert seiner Arbeit. „In seinen Augen und oft auch in denen seiner Auftraggeber bekommt dieser Wert etwas Fantastisches.“

Das Café Eggers & Landwehr zwischen Alexanderplatz und Volksbühne gehört zu der gleichnamigen Literaturagentur. Die Inhaber Petra Eggers und Matthias Landwehr treten mit ihm aus jenem Dunkel heraus, das ihre Arbeit, die Vermittlung von Autoren an Verlage, bisher kennzeichnete und den Begriff Agent rechtfertigte. Sie richten sich nun auch an eine literarisch interessierte Öffentlichkeit, die am Tag ein mit Büchern bestücktes Café und an zwei Abenden in der Woche eine Lesung erwarten darf. Petra Eggers hebt den Gebrauchswert des Cafés hervor: Viele Berliner Autoren kämen in der Agentur vorbei und suchten nach der einsamen Arbeit am Manuskript Kontakt. Im Büro könne sie sich ihnen jedoch nicht widmen. Außerdem fahnde sie ständig nach Orten, um die vermittelten Bücher zu präsentieren. Mit dem Café schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Vermutung, dass die Agentur unter dem dramatischen Einbruch der Vorschüsse für deutsche Autoren leide und ein zweites Standbein brauche, weist Eggers lächelnd zurück. Der Umsatz sei nicht zurückgegangen, und die einhundert vertretenen Autoren seien erfolgreich. Unter ihnen befinden sich neben jungen Bestsellerschreibern wie Florian Illies, André Kubiczek oder Wladimir Kaminer auch Irene Dische, der Historiker Dan Diner und die Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders.

Das Mai-Programm wird erst einmal von Agentur-Autoren bestritten, danach sei man auch für andere offen, sagt Thomas Laschinski. Er ist der Geschäftsführer des Cafés, das aussieht, wie ein Lokal in Berlin-Mitte heute aussehen muss: Ein langgestreckter Raum mit weißer Decke und einem Glas-Metall-Leuchtkörper in Zwanzigerjahre-Manier, an den Wänden hohe Sitzpolster, davor quadratische Tische und Holzstühle. Ungewöhnlich sind allerdings die Vitrinen über den Polstern, in denen Bücher der Agentur-Autoren stehen. Auch im und auf dem Tresen, neben und über dem Kuchen liegen Bücher aus. Die Sehnsucht der Literaturvermittler nach Konkretion lässt sich in dieser Einheit von „Russendisko“ und Ciabatta mit den Händen greifen.

Für dieses Crossover ist Thomas Laschinski selbst ein gutes Beispiel. Der studierte Philosoph war Praktikant bei Eggers & Landwehr, Unternehmensberater und Barkeeper, bevor er „zurück zu den Büchern“ wollte. Wie er besitzen alle Angestellte im Café „Affinität zur Kultur“, Suchende können also mit Lesetipps rechnen. Für die Buchhandlung im hinteren Raum soll später ein Buchhändler eingestellt werden. Musik wird übrigens nicht gespielt. Eggers & Landwehr bietet der Generation Golf einen Chillout-Raum mit literarischem Flair, aus dem vielleicht mal ein Literatencafé wird. Die Literaturinstitutionen der Stadt mit ihren Autorengesprächen und Themenabenden müssen die Konkurrenz einer weiteren Lesebühne wohl nicht fürchten. Eher schon die Buchhandlungen - und vielleicht die anderen Literaturagenturen.

Rosa-Luxemburg-Str. 17, Mo bis Fr. 10-20 Uhr. Zur Eröffnung liest heute Abend Sibylle Berg, 20.30 Uhr.

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