Lesepaten : Für eine Handvoll Gummibärchen

Märchenhaft: Erfahrungen eines Lesepaten an einer Kreuzberger Schule.

Johannes Groschupf

Die eigenen Kinder sind groß geworden und tauchen nur gelegentlich auf, um Nahrung oder finanziellen Proviant aufzunehmen, ehe sie wieder in den unendlichen Weiten ihres Lebens verschwinden. Um meinem ereignisarmen Alltag wenigstens stundenweise zu entkommen, bin ich Lesepate in einer fünften Klasse einer Kreuzberger Schule geworden. „Wallah, du bist groß, wie ’ne Giraffe!“ sagt Abdul beeindruckt, aber die anderen korrigieren ihn: „Eine Giraffe ist sechs Meter lang, und Herr Groschupf nicht mal drei Meter. Der Hals einer Giraffe ist einfach viel länger!“

Wir freunden uns rasch an. Lesepaten geben keine Zensuren, bieten erholsame Stunden und können geduldiger auch einzelnen Kindern zuhören, als es Lehrern möglich ist. Mein anfängliches Herzklopfen ist rasch verflogen, ich freue mich auf jeden Donnerstag. Einige Kinder warten bereits am Schultor. „Na Emine, wie geht’s?“, frage ich. „Gut“, sagt sie, „aber ich bin jetzt im Kinderheim.“ Wieso das denn, will ich wissen. „Da kam eine Frau und hat uns von Mama weggenommen, für drei Monate. Aber meine Oma durfte mich schon besuchen.“ Und die Mutter ist allein zu Hause? „Ja, Mama ist allein, mit meinem Hund.“ Sie wirkt so gefasst, als habe sie schon ganz andere Turbulenzen erlebt.

Bevor wir mit dem Lesen anfangen können, müssen noch die aktuellen Konflikte aufgearbeitet werden. Die Lehrerin mahnt, wenn es zu laut wird, mit einer Klangschale zur Ruhe. „Die Mädchen schlagen immer gleich!“ beschweren sich einige Jungs. „Ja, weil ihr gesagt habt, dass die Jungs aus der zweiten Klasse in mich verliebt sind!“ erläutert Lara ihr Vorgehen. Zwei Freunde, die sich über einem Missverständnis zerstritten haben, beginnen schließlich erleichtert zu weinen. Der Konfliktlotse wird angegangen, weil er auf dem Schulhof bei einem Kampf nur zugeschaut hat, der sich nach Mutmaßungen am Liebesleben der Mutter des einen entzündete.

Mit einer kleinen Gruppe gehe ich zum Lesen in den Nebenraum. Rasch stellt sich heraus, dass das eigene Lesen schwierig ist. „Du kannst dir bei langen Wörtern ruhig Zeit lassen,“ ermutige ich ein Mädchen, das verkrampft über dem Buch sitzt. „Ja, aber ich sehe die Worte nicht richtig. Mama hat gesagt, ich soll ’ne Brille kriegen!“ Ihre Nachbarin springt ihr zur Seite, indem sie erklärt, dass sie nicht gut hören kann. „Das stimmt“, bestätigen die anderen, „sie sagt immer: Was? Was? Was?“ Auch hier hat die Mutter schon ein Hörgerät versprochen.

Die Kinder mögen es, vorgelesen zu bekommen. Die Texte sollten kurz sein. Märchen sind beliebt, jedoch nicht die ganz kurzen. Als die Stadt im süßen Brei versinkt und das Märchen zu Ende ist, legen sie scharfen Protest ein. „Was ist denn jetzt? Wer macht denn da sauber?“ 1001 Nacht oder Grimms Märchen, das ist ihnen egal. Sie holen sich Papier, malen und hören zu. Einer kann vor Anspannung nicht malen, er sitzt mit großen Augen und offenem Mund, als Ali Baba in die Höhle geht. Und er kann es nicht fassen, dass Ali Babas Bruder das Zauberwort vergisst, um den Eingang wieder zu öffnen. „Voll dumm, ey, so ein Spast!“

Die Mädchen stöhnen genervt, als der Held in einem Grimmschen Märchen zum dritten Mal einschläft, statt die Prinzessin zu erlösen. „So ein Penner!“ Aber sie wissen auch, dass am Ende immer geheiratet wird, und malen eilig die Prinzessin und ihr Pferd fertig. Die Jungs zeichnen Comics, in denen viel geschossen oder eine Hexe mit dem Laserblick getötet wird.

Das nächste Märchen beginnt: „Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter.“ Mahmoud kennt sich da aus: „Meine Oma, die hat sechsmal geheiratet und hat dreizehn Kinder gekriegt!“ Nachdenklich fügt er an: „Ich bin mit halb Algerien verwandt.“ Die anderen Kinder halten dagegen, sie haben auch eine weitläufige Verwandtschaft. „Und du, Herr Groschupf?“ Ich kann nur bescheidene vier Schwestern vorweisen. „Oh, du Armer.“ Wir wenden uns wieder den zwölf Prinzessinnen und ihren zertanzten Schuhen zu. Im Laufe des Märchens stranguliert Mahmoud sich mit einem Halstuch und fragt schließlich röchelnd: „Ist mein Kopf jetzt rot?“ Seine Nachbarin bringt ihn mit gezielten Schlägen ihres Lineals zum Schweigen.

Anders als die eigenen Kinder, denen abends vorgelesen wurde, schlafen die Schüler nicht ein. Sie nutzen vielmehr die Gelegenheit, wenn ein Märchen im Mitteilteil durchhängt, um drängende Fragen zu erörtern: „Kommst du aus der DDR?“ – „Wie wird ‚willkommen’ geschrieben?“ – „Was war das Schlimmste in deinem Leben?“ Ist aber ein Märchen zu Ende, wollen sie gleich das nächste hören.

Mein wöchentlicher Lohn besteht aus einer Handvoll Gummibärchen, die ich heimlich zugesteckt bekomme. Oder aus kleinen Briefen, in denen steht: „Du bist der beste Leseparte.“ Dieses Lob erhalten übrigens, wie eine kleine Umfrage ergab, alle Lesepaten in der Stadt. Kinder wissen, womit man ältere Leute erfreut. Am Ende der Stunde ist man froh, wieder in die ruhigen Wasser des Alltags einzutauchen. Ein Mädchen begleitet mich noch über den Schulhof und erzählt, sie werde jetzt immer von Papa abgeholt. „Meine Mama ist nämlich im Frauenhaus, weil Papa sie am Auge gehauen hat.“

Johannes Groschupf, 1963 in Braunschweig geboren, lebt als Schriftsteller in Berlin. Im letzten Jahr ist im Eichborn-Verlag sein Roman „Hinterhofhelden“ erschienen, der im Neukölln der achtziger Jahre spielt. Wer selbst als ehrenamtlicher Lesepate tätig werden möchte, kann sich melden bei der Leiterin des Projekts, Sybille Volkholz, Telefon 726 108 56, E-Mail: buergernetzwerk.bildung@vbki.de

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