Lesereise : Pamuk will mehr sein als "Brückenbauer"

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wird seine im Februar wegen massiver Drohungen abgesagte Lesereise von diesem Mittwoch an nachholen. Am Freitag erhält er die Ehrendoktorwürde der FU Berlin.

Hamburg - "Die Ermordung meines Freundes Hrant Dink war ein großer Schock für mich. Viele Schriftsteller und Intellektuelle hat dieses Attentat zutiefst deprimiert. Im Ausland wollte ich Abstand zu dem tragischen Ereignis gewinnen", sagte Pamuk dem Magazin "Der Spiegel". Auch Pamuk, der sich unter anderem für eine Aufarbeitung der türkischen Massenmorde an den Armeniern im Jahr 1915 ausgesprochen hatte, ist zur Zielscheibe türkischer Nationalisten geworden. Mit Misstrauen gegenüber den deutschen Sicherheitsbehörden hätte die Absage nichts zu tun gehabt. Nach dem Auftakt in Hamburg sind noch Lesungen in Berlin, Köln, Stuttgart und München geplant. Am Freitag erhält Pamuk die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin.

"Allerdings wäre ich auf der Lesereise ständig nach den Morddrohungen gefragt worden. Damit hätten sie ein Gewicht bekommen, das sie nicht verdienen", sagte der 54-jährige Autor, der auf der Lesereise sein Buch "Istanbul" vorstellen wird. "Mich treibt niemand ins Exil, auch den Nationalisten gelingt das nicht - trotz aller Beschwernisse." Trotzdem habe er auf Empfehlung seiner Freunde und der Regierung einen Leibwächter engagiert. Nach der Absage der Lesereise im Februar war Pamuk überraschend in die USA geflogen, wo er einen Lehrauftrag an der Columbia Universität in New York hat.

Pamuk: Kein Repräsentant der Türkei

"Es nervt mich, ständig auf die Rolle eines Brückenbauers reduziert zu werden", sagte Pamuk. Da er aber inzwischen in mehr als 45 Sprachen übersetzt wurde, gelte er als Repräsentant der Türkei. "Das will ich aber nicht sein. Ich bin Schriftsteller." Er habe nicht den Vorsatz, die Türkei, ihre Kultur und ihre Probleme zu erklären. "Aber mit meiner westlichen Ausrichtung, meiner Liebe zu europäischer Literatur und Lebensart sitze ich zwischen allen Stühlen", sagte Pamuk. Er hoffe, dass die Türkei eines Tages auch ein Teil von Europa sein werde. (tso/dpa)

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