Leserjury-Preis : Ein Leben in Istanbul

Betörende und verstörende Bilder vom Bosporus. Die Tagesspiegel-Leserjury prämiert den türkischen Film „Hayat Var“.

Erdem Foto: Berlinale
Der Sieger. Regisseur Reha Erdem gewann den Preis der Tagesspiegel-Leserjury. -Foto: Berlinale

Den Sieger aus 37 Forums-Filmen küren, zu neunt. Dass dies keine leichte Aufgabe ist, wussten die Mitglieder der Tagesspiegel-Leserjury schon zu Beginn des Festivals. Dass es allerdings so kompliziert werden würde, hatten sie dann doch nicht geahnt. Nach 4005 Filmminuten, das sind fast 67 Stunden Kino in neun Tagen, nach zwei letzten Stunden aufgeregter Diskussion und jeder Menge nervenberuhigender Schokolade einigten sich die Juroren schließlich auf den türkischen Film „Hayat Var/My Only Sunshine“. Der mit 3000 Euro dotierte Tagesspiegel- Preis für den besten Forums-Film 2009 geht damit an den 38-jährigen Istanbuler Regisseur Reha Erdem.

Zum Zeitpunkt der Verleihung am Samstagmittag in der saarländischen Landesvertretung waren Erdem, sein Team und seine wunderbare Hauptdarstellerin Elit Iscan allerdings bereits auf dem Rückweg in die Türkei, die Nachricht ereilte sie wenige Minuten vor der Preisverleihung. Die Dankes-E-Mail von Produzentin Gamze Paker verlas deshalb Forums chef Christoph Terhechte.

„Hayat Var“ erzählt von einem 14-jährigen Mädchen, das beim wortkargen Vater und dem fluchenden Großvater in einem baufälligen Holzhaus im Hafen von Istanbul aufwächst. Die wieder verheiratete Mutter hat eigene Sorgen, die fürsorgliche Nachbarin ist völlig distanzlos. So ist Hayat meistens allein, niemand versteht ihre Probleme. Ob es Hoffnung gibt für Hayat? Die Frage beantwortet schon der Titel: „Hayat Var – Es gibt ein Leben“.

Dem Regisseur gelingt es, in „betörenden, teilweise verstörenden Bildern“ den „Gegensatz zwischen der großen weiten Welt mit all ihren Sehnsüchten und einer realen Existenz am Rande Istanbuls wirkungsvoll darzustellen“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Der Zuschauer bekomme zudem Einblick in eine noch immer von Männern dominierte Gesellschaft. Leicht gemacht haben sich die Juroren ihre Entscheidung nicht. Alle wollten einen Film auswählen, der unkonventionell ist und Diskussionen anregt. Aber die einen waren von dem Wunsch beseelt, eine auch sozial motivierte Entscheidung für einen Regieanfänger zu treffen, sie plädierten für ungewöhnliche, im Zweifel künstlerisch weniger wertvolle Filme. Die anderen wünschten sich eine cineastisch ausgereifte Produktion – selbst wenn der Regisseur schon Erfahrung habe und seine finanziellen Mittel nicht mehr so knapp seien. Doch das Votum für „Hayat Var“ fiel einmütig aus. tja

An diesem Sonntag ist „Hayat Var“ noch einmal zu sehen, um 21.30 Uhr im Cinemaxx 4. Es gibt Restkarten.

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