LESESTOFF : LESESTOFF

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I. Johns, C. Schrapper (Hg.):

Landesfürsorgeheim Glückstadt 1949-74. Wachholtz- Verlag, Neumünster 2010. 372 S., 24,80 €.

Der Koblenzer Pädagoge Christian Schrapper konstatiert in seiner wissenschaftlichen Untersuchung, dass im schleswig-holsteinischen Landesfürsorgeheim Glückstadt in der Zeit von 1949 bis 1974 systematisch die Menschenwürde verletzt wurde. Vor drei Jahren hatten ehemalige Heimkinder der Erziehungsstätte erstmals in der Öffentlichkeit von Misshandlungen, Missbrauchsfällen, Suiziden, Arreststrafen und Arbeitsverpflichtungen berichtet, was die damalige Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) veranlasste, Schrapper mit einer Untersuchung und Dokumentation der angeprangerten Vorgänge zu beauftragen. Letztere ist nun unter seiner Herausgeberschaft veröffentlicht worden. Ihm zur Seite stand dabei die schleswig- holsteinische Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes, Irene Johns. Das Werk beschreibt die Geschichte des Gebäudes von der Korrektionsanstalt 1874 bis zur geschlossenen Heimeinrichtung. Als Quelle dienten rund 8000 Akten aus dem Landesarchiv, Mitschriften zu Landtags- und Ausschusssitzungen, Presseveröffentlichungen und nicht zuletzt die Schilderungen früherer Heimzöglinge. Die Aufarbeitung ist ein schonungsloser Beleg für die „schwarze Pädagogik“, deren Erziehungsausrichtung im genannten Zeitraum keinen Einzelfall, sondern ein bundesweites Phänomen darstellte und schon 1970 in Ulrike Meinhofs Fernsehdokumentationsdrehbuch „Bambule“, das ein Jahr später als Streitschrift im Wagenbach-Verlag zu erhalten war, thematisiert wurde. Dieter Hanisch

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