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Hannes Schwenger

Bernd Wulffen

: Deutsche Spuren in Argentinien. Zwei Jahrhunderte wechselvoller Beziehungen, Ch. Links Verlag, Berlin 2010, 260 Seiten, 19,90 Euro.

Die berüchtigte „Rattenlinie“, über die deutsche Nazis nach 1945 Zuflucht in Argentinien fanden, ist zum Glück nicht die einzige Spur, die aus Deutschland dorthin führt. Vor Adolf Eichmann und Josef Mengele erhielten auch Tausende Hitlergegner und deutsche Juden Exil in Argentinien, und in der über 200-jährigen Geschichte deutsch-argentinischer Migration ist die NS-Zeit nur eine Episode. Übrigens auch in Argentinien keine gern erinnerte, denn Hitlers Regime spaltete auch die deutsche Gemeinde in Argentinien in Gefolgsleute und Gegner des „Dritten Reichs“, dem die Buenos Aires erst nach Jahren wohlwollender Neutralität im März 1945 den Krieg erklärte.

Als Spurensucher in der Geschichte beider Länder stellt sich Bernd Wulfen vor, von 1970 bis 1991 Kulturattaché und Konsul an der Botschaft der Bundesrepublik in Buenos Aires. Über diese ereignisreiche Zeit – von der Rückkehr Peróns 1973 über die Militärdiktatur Videlas bis zur glücklosen Regierung Alfonsín – erzählt er in Form eines Erlebnisberichts mit Knalleffekt: einem Raubüberfall in den Straßen von Buenos Aires, bei dem er von Gangstern angeschossen wurde. Die übrigen zwei Drittel seines Buches rekapitulieren vier Jahrhunderte deutscher Präsenz in Argentinien: Von den ersten Siedlern am Rio de la Plata 1526 über die Zuflucht deutscher Demokraten und Sozialisten nach 1848 und 1889 bis zur Siedlung Villa General Belgrano, dem früheren El Sauce, wo 1940 die Besatzung des deutschen Schlachtschiffs „Graf Spee“ interniert wurde. Kapitän Hans Langsdorff hatte das Schiff vor seinen Verfolgern im Rio de la Plata selbst versenkt. Ein Teil der Besatzung blieb am Ort, „als Handwerker gefragte Fachleute, die das aufstrebende Argentinien dringend brauchte.“ Heute ist der Ort wegen seines deutsch-argentinischen Oktoberfests mit Bier, Bratwurst und Sauerkraut im ganzen Land bekannt, aber im Alltag haben die deutschstämmigen Argentinier Lederhosen und Dirndlkleider natürlich längst abgelegt und sich vom Schuhplattler zum Tango bekehrt. So will Wulfen am Ende feststellen, „dass wir uns in vielem gut ergänzen und manches voneinander lernen können.“ Zum Beispiel Tango. Hannes Schwenger

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