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Wolfgang G. Schwanitz

Lamya Kaddor:

Muslimisch, weiblich, deutsch: Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. München: Beck 2010, 206 S., 17,90 €.

Islampädagogin ist ihr Job, Westfalen ihre Heimat: Die muslimische Lehrerin und Autorin Lamya Kaddor zeigt in ihrem Buch auf, was sie am Umgang mit dem Islam so stört. Aufgeklärte Muslime gäbe es zu wenig, Funktionäre der Verbände seien Männer, die stille Mehrheit der Muslime werde nicht vertreten: Kaddor, deren Eltern aus Syrien einwanderten, will das ändern. Da die 32-Jährige Arabistik studiert hat, argumentiert sie von innen. So habe das Kopftuch keine Basis im Koran; nur ein Vers gebiete Frauen, den Überwurf vom Haar ins Gesicht zu ziehen. Kaddor wirbt für eine historisierende Sicht des Koran und ruft dazu auf, ihn angstfrei und ohne Wahrheitsmonopol auszulegen. Und sie skizziert Wege für eine parteiunabhängige Vertretung liberaler Muslime. Höchste Zeit – zumal Muslime in Deutschland seit über einem Jahrhundert leben. Wolfgang G. Schwanitz

Rudolf Gerhardt: Der Triumph der Gerechtigkeit. Mit Zeichnungen von Imma Setz. Nomos Verlag, Baden-Baden 2009, 115 S., 19 €.

Man weiß gar nicht mehr, woher es kommt, das Recht, von dem jeder ständig behauptet, er und nur er habe es. Rudolf Gerhardt, Journalist und Jurist, erinnert daran, dass es Menschen erst in die Welt bringen müssen, bevor sie sich darüber streiten können, dass ihm unterworfen nur derjenige ist, der sich von anderen unterwerfen lässt. Ein Blick auf die angeblich nur durch das Recht garantierte Freiheit, die sich hier ein junger Rechtsanwalt nimmt, indem er sich inmitten eines bis dato friedlichen Dorflebens niederlässt und es gehörig durcheinander bringt. Denn, so seine These: Wer mit seinen Nachbarn in Frieden lebt, kennt nur seine Rechte nicht. Am Ende steht jener selbst vor Gericht, weil ihm geschieht, was jedem professionellen Rechthaber früher oder später widerfährt: er verliert den Überblick. Die Entdeckung des Rechts als Erfahrung von Schuld – am Ende zeigt sich, dass Frieden, auch Rechtsfrieden, ein Zustand ist, für den man nicht mehr tun kann, als im entscheidenden Moment nichts zu tun. Ein „zeitloses Märchen“ nennt der Autor sein Plädoyer: Einander verbunden, nicht miteinander verstrickt zu sein. Jost Müller-Neuhof

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