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Elke Kimmel

Christian Halbrock:

Mielkes Revier. Stadtraum und Alltag rund um die MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Lukas Verlag, Berlin 2010. 253 S., 19,90 €.

„Mielkes Revier“ nannten Anwohner das Gebiet zwischen Frankfurter Allee, Normannenstraße, Rusche- und Magdalenenstraße, auf dem sich, weitgehend den Blicken der Öffentlichkeit entzogen, die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit befand. Christian Halbrock, seit 2007 Mitarbeiter der Birthler-Behörde, untersucht in seiner jüngst publizierten Studie die Geschichte dieses Terrains von den 50er Jahren bis zum Ende der DDR. Basierend auf Zeitzeugeninterviews und umfangreichen Archivrecherchen schildert er die räumliche Expansion des Geheimdienstes. Betriebe und Anwohner mussten diesem Ausweitungsdrang weichen, wussten diesen allerdings auch recht geschickt zu ihren Gunsten zu nutzen, indem sie etwa auf größeren und besser ausgestatteten Ausweichwohnungen bestanden. Zugleich achtete das Ministerium darauf, dass in die entstehenden benachbarten Häuser vor allem die eigenen Mitarbeiter einzogen. Nicht allein neue Büroräume erzwangen den Abriss der vorhandenen Gebäude, sondern auch das ausgeprägte Bedürfnis nach Geheimhaltung und die Furcht vor Einblicken von außen. Meist setzte sich die Staatssicherheit mit ihren Forderungen durch. Halbrock schildert eine Reihe von Konflikten mit dem Stadtbezirk Lichtenberg, in denen sich letztlich der Ost-Berliner Bürgermeister Erhard Krack zugunsten des Ministeriums einsetzte. Nur in Einzelfällen scheiterte das MfS – so beispielsweise damit, das Hans-Zoschke-Stadion und die Glaubenskirche abzureißen. In beiden Fällen konnte kein geeignetes Ausweichgelände gefunden werden. Bis in die 70er Jahre hinein, stellt Halbrock überzeugend dar, fühlten sich die Anwohner durch den mächtigen Nachbarn kaum gestört, da dessen Tun nur selten die eigenen Wege kreuzte. Später jedoch wuchsen die Belästigungen durch die raumhungrige „Firma“ und nahm auch die Überwachung der Anwohner zu. Welche Einschränkungen dies mit sich brachte, wie die Stasi ihre Nachbarschaft bespitzelte, davon vermittelt Halbrocks präzise und detailfreudige Darstellung einen lebendigen Eindruck. Elke Kimmel

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