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Philip Kovce

Götz Werner, Adrienne Goehler:



1000 Euro für jeden. Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen. Econ Verlag, Berlin 2010. 272 Seiten, 18 Euro.

Die Moderne sei flüssig, sagt der Soziologe Zygmunt Baumann, und diese flüssige Moderne erzeuge „flexible Menschen“, so eine weitere soziologische These von Richard Sennett. Permanente Beschleunigung in den Arbeits- und Lebenswelten sei nicht nur zeitsymptomatisch, sondern auch charakterbildend – und tauge damit als Merkmal einer neuen Anthropologie, die vor allem eines ist: flexibel. Diese Erkenntnisse haben Götz Werner und Adrienne Goehler in ihren letzten Büchern bereits zur Sprache gebracht und mit einer unkonventionellen politischen Forderung verknüpft: der nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Goehler, von 2001 bis 2002 Kultursenatorin in Berlin und heute freie Kuratorin, schrieb 2006 in „Verflüssigungen“ über Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft; Götz Werner, Unternehmer und Gründer der dm-Drogeriemarktkette, legte ein Jahr später (exakt 50 Jahre nach Ludwig Erhards Manifest „Wohlstand für alle“) seine konkretisierte Version dieser Vision in „Einkommen für alle“ dar: Jedem Bürger solle lebenslang ein monatliches Grundeinkommen in existenzsichernder Höhe gewährt werden. Werner und Goehler haben sich nun zusammengetan und fordern in dreizehn lockeren Kapiteln, den in ihren Augen antiquierten, noch immer am Ideal industrieller Vollerwerbsbeschäftigung orientierten Sozialstaat zu reformieren – mit einem festen Einkommen, das jeden für eigene Initiativen finanziell flüssig machen soll. „Das bedingungslose Grundeinkommen könnte die Errungenschaft des 21. Jahrhunderts werden, die am menschlichen Vermögen, den Fähigkeiten und Möglichkeiten der Einzelnen anknüpft – an dem Wunsch aller, Resonanz erzeugen zu wollen, gemeint zu sein, gebraucht und geliebt zu werden.“ Wenn das auch utopisch klingen mag, naiv ist es nicht: Ein Grundeinkommen würde nicht alle Problem lösen, die Idee ist jedoch anregend, aufregend und – wie der Untertitel bekräftigt – auch ein bisschen französisch-revolutionär. Das vorliegende Buch ist ebenso: anregend, aufregend und ein bisschen revolutionär. Letzteres allein schon deshalb, weil mit 1000 Euro – der vorgeschlagenen Summe – in der Tasche es wohl heißen würde: Flüssige Zeiten fordern und fördern flexible Menschen. Philip Kovce

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