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Manfred Gailus

Wolf Gruner, Jörg Osterloh (Hg.):

Das ,Großdeutsche Reich’ und die Juden. Nationalsozialistische Verfolgung in den ,angegliederten’ Gebieten. (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 17.) Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010. 440 S., 39,90 €.

Im Juli 1941 sorgte sich Rolf-Heinz Höppner, Abschnittsleiter Posen des Sicherheitsdienstes der SS, dass im bevorstehenden Winter womöglich nicht sämtliche Juden im „Reichsgau Wartheland“ würden ernährt werden können. Es sei ernsthaft zu erwägen, schreibt er dem „lieben Kamerad Eichmann“ nach Berlin, ob es unter diesen Umständen nicht die humanste Lösung wäre, die nicht mehr arbeitsfähigen Juden „durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen“. Die Mordaktion im Herrschaftsbereich des Gauleiters und Reichsstatthalters Arthur Greiser fand statt. Das „schnellwirkende Mittel“ waren Gaswagen. Der 1939 gebildete „Reichsgau Wartheland“ unter Greiser, ein nationalsozialistisches Exerzierfeld brutaler „Germanisierung“ und Vernichtung, preschte bei der NS-Vernichtungspolitik wiederholt vor. Andere „angegliederte“ Gebiete im Osten wiesen eine ähnliche Dynamik auf: regionale Vorreiter der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Juden und anderen „Fremdvölkischen“. Das ist das Thema dieses gewichtigen Sammelbandes, in dem erstmals systematisch die regional spezifische Verfolgungspraxis in den dem Deutschen Reich seit 1935 einverleibten Gebieten untersucht wird: vom Saargebiet über Österreich, dem Sudetenland sowie dem Protektorat Böhmen und Mähren bis Danzig-Westpreußen, dem Wartheland und Ostoberschlesien, wo Auschwitz lag. Die Praxis und die Dynamik nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung resultierten aus einem komplizierten politischen Zusammenspiel personaler Kräfte vor Ort, regionaler Besonderheiten und zentralbehördlicher Einflussfaktoren. Keinesfalls wurden die Maßnahmen immer zunächst in Hitlers Zentralbehörden der Reichshauptstadt beschlossen, um anschließend in den Provinzen ausgeführt zu werden. Vielfach gingen übereifrige NS-Potentaten wie Greiser in den annektierten Randgebieten, besonders im Osten, in der Verfolgungsradikalität voran, um damit – wie sie glaubten – bei Hitler und Himmler zu punkten. Gewiss, diese These ist nicht neu. Sie wird jedoch durch die hier vorgelegten Beiträge eindrucksvoll detailliert und kompetent bestätigt.Manfred Gailus

Birgit Schwelling: Heimkehr-Erinnerung-Integration. Der Verband der Heimkehrer, die ehemaligen Kriegsgefangenen und die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2010. 326 S., 44,90 €.

Warum gelang es der Bundesrepublik Deutschland im Gegensatz zur Weimarer Republik, ihre Bürger zu überzeugten Demokraten zu machen? Das ist eine der entscheidenden Fragen zur Gründungsphase der Bonner Republik. Immerhin drängten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in den westdeutschen Teilstaat, sondern auch etwa elf Millionen Kriegs- und Spätheimkehrer. Gerade diese Personengruppe hatte in der Weimarer Republik zu den erbittertsten Feinden des Parlaments gehört – und angesichts ihrer teilweise jahrzehntelangen Entwöhnung vom zivilen Leben fürchtete man sich Anfang der 50er Jahre durchaus vor ähnlichen Einstellungen unter den Heimkehrern. Birgit Schwelling untersucht in ihrer Studie über den Verband der Heimkehrer (VdH), worin nach 1945 der Unterschied bestand – und wie es gelang, die Veteranen erfolgreich einzugliedern. Schon aufgrund der Dauer der Kriegsgefangenschaft – um deren Anerkennung und Verarbeitung es im Wesentlichen ging – gerieten vor allem die Heimkehrer aus der Sowjetunion in den Fokus. Ihre Leiden wurden in (Wander-)Ausstellungen und Seminaren vermittelt, wobei der VdH stets dem Zusammenhalt in der Gefangenschaft besonderes Gewicht verlieh. Zugleich machte er deutlich, dass in seinen Augen die Spätheimkehrer gleichsam stellvertretend für alle Deutschen einen großen Teil der Lasten des Zweiten Weltkriegs getragen hatten und deshalb angemessen entschädigt werden müssten. Zuweilen drohte er geschickt damit, dass die Männer sich andernfalls doch demokratiefeindlichen Kräften zuwenden würden. Die Autorin zeigt, wie der Verband gerade in den 50er Jahren ein offenes Ohr bei allen Parteien fand. Erst in den 60er Jahren schwand dieser Einfluss. Leider versäumt es die Autorin, die wichtigsten Fakten zum Verband einmal im Überblick darzustellen. Ansonsten aber ist ihre Darstellung gerade in der zweiten Hälfte spannend und überzeugend. Es gelingt ihr, ein facettenreiches Bild von der ambivalenten Lage der jungen Bundesrepublik zu zeigen, in der neben manch verklärtem Blick auf das untergegangene Reich vor allem das Wissen verbreitet war, dass es zur Demokratie keine Alternative gab. Elke Kimmel

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