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Peter-Alexis Albrecht

: Der Weg in die Sicherheitsgesellschaft. BWV, Berlin 2010, 1040 Seiten, 79 Euro

Früher waren Straftäter schuldig – oder eben unschuldig –, heute sind sie, in jedem Fall, gefährlich. Mit dem Satz wäre beschrieben, was Peter-Alexis Albrecht, Kriminologe und Strafrechtler an der Uni Frankfurt, als Erosion bezeichnen würde. Ein Wechsel der Perspektive in der kriminalpolitischen Debatte vom repressiven zum präventiven Strafrecht, das Risiken und ihren Ausschluss zur Maxime erhebt. Ein Beispiel wäre die laufende Diskussion um die Reform der Sicherungsverwahrung. Der Befund ist also da, mindestens in der Tendenz ist er spätestens seit dem 11. September kaum zu bestreiten. Der Autor will den „Weg in die Sicherheitsgesellschaft“ begreifbar machen und kritisieren, mehr noch, er möchte ihn rechtsstaatlich, soweit überhaupt noch möglich, passierbar halten. Ein großes Ziel, von dem der Autor weiß, dass es größte Anstrengungen erfordert; von ihm selbst ein biografisch geprägtes Opus Magnum, das wissenschaftliche Expertise mit Beobachtungen eines politischen, der Freiheit verpflichteten Bürgers verschränkt. Hier scheut sich ein Wissenschaftler nicht, auch mal „ich“ zu sagen – einer, der sich als „Außenseiter“ seiner Zunft begreift. Außenseitertum verhärtet manchmal, verdüstert die Sicht auf die Dinge, aber wenigstens kann man sie im Ganzen betrachten; in der verbleibenden „Hoffnung auf einen Menschenrechtsschutz, der absolute Politiksperren errichtet“. Albrecht zeichnet hier ein ebenso reiches, detailliertes wie sich langsam verdunkelndes Bild der Kriminalpolitik der letzten vierzig Jahre, die nur eine prinzipienstarke Justiz begrenzen kann. Ein engagiertes, persönliches Buch, dem als umfänglicher wissenschaftlich-historischer Fundus ein Personen- und Sachregister schmerzlich fehlt. neu

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