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Karin Schädler

Arian Fariborz:

„Rock the Kasbah.“ Popmusik und Moderne im Orient. Reportagen aus Ägypten, Algerien, Israel, Palästina, Marokko, dem Libanon und dem Iran. Palmyra, Heidelberg 2010. 181 S., 17,90 €.

Die Proteste in Tunesien hatten noch gar nicht begonnen, da verbreitete sich ein Musikvideo wie ein Lauffeuer auf Facebook. Ein junger Mann mit Baseballmütze und Gangster-Outfit wagt es, was sich sonst niemand traut: dem Präsidenten Ben Ali öffentlich ins Gesicht zu sagen, was in Tunesien alles falsch läuft. Der Rap-Sänger Hamada Ben Amor alias „El Général“ klagt darin ganz unverblümt an: „Herr Präsident, ich richte mich heute an Sie, in meinem Namen und im Namen des Volkes, das leidet. Wir schreiben 2010 und noch immer sterben Menschen an Hunger. Sie wollen für ihren Lebensunterhalt arbeiten, aber ihre Stimme wird nicht gehört.“ Ben Amor wurde für kurze Zeit inhaftiert, dann wieder freigelassen und ist von da an ein „Held der Revolution“. Arian Fariborz konnte gar nicht ahnen, dass ein Lied einmal so erfolgreich zum Sturz eines der autoritären Regime in arabischen Ländern beitragen würde wie „Rayes Lebled“ („Der Chef meines Landes“) von „El Général“ in Tunesien. Doch noch vor Beginn der Revolutionen in Nordafrika beschreibt er nicht nur den rasanten Wandel der Musik in der arabisch-islamischen Welt und Israel, sondern sieht bereits, wie einige musikalische Stile bei der jüngeren Generation zu einem „Ausdrucksmittel für politischen Protest oder gesellschaftliche Verweigerung“ geworden sind. Mit Freude taucht Fariborz in hierzulande noch unbekannte Klangwelten und subkulturelle Musikmilieus ein: Rock ’n’ Roll im Iran, Heavy Metal in Ägypten, Improvisationskünstler aus dem Libanon, Sufi-Klänge aus Marokko, Hip-Hop aus Algerien, Israel und Palästina. Es ist die Verbindung von traditionellen Stilen mit modernen Subkulturen und die global vernetzten Künstler, die den Autor besonders interessieren. Und natürlich beschreibt er, wie die junge Generation Musik als Mittel für den politischen Protest nutzt: „Wir waren wütend auf die Schule, auf die Armee, den Präsidenten. Und wir fingen an, darüber zu schreiben“, zitiert Fariborz den algerischen Hip-Hop-Künstler MC Rahab Ourrad. So porträtiert er schließlich viele junge Künstler, die zum Sprachrohr für die Wut einer ganzen Generation geworden sind. Karin Schädler

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