LESESTOFF : LESESTOFF

Helmut Trotnow

M. S. Coleman, L. Coleman Steinhice, C.C.Steinhice:

No Denial. Westview Pub Inc, La Vergne 2010. 142 S., 18,99 €.

Manchmal können Bilder mehr ausdrücken als tausend Worte. Wie zutreffend diese Aussage ist, demonstriert ein Bildband, der Ende letzten Jahres in den USA erschien. Frei übersetzt könnte der Titel lauten „Leugnen zwecklos“. Der Text in englischer Sprache ist fast schon nebensächlich. Die Bilder sprechen für sich – und wie. Bei einigen der Fotos muss man selbst als Historiker trocken schlucken. Die junge amerikanische Journalistin Marion S. Coleman war während des Zweiten Weltkrieges für das US Office of War Information in London tätig. Ihre Aufgabe bestand darin, die Fotos der Militärfotografen und kriegsbegleitenden Journalisten zu bearbeiten. Sie war für die Beschriftung der Fotos zuständig und sorgte dafür, dass die Freigabe zur Veröffentlichung geklärt wurde. Einige dieser Fotos, die vor allem von Berufsfotografen stammen, sind heute weltweit bekannt. Andere dagegen sind hier erstmals zu sehen und dies auch nicht ohne Grund. Coleman und ihre Familie haben diese Fotos mit den Originalbeschriftungen bis heute bewahrt. Ihre Tochter Laurel Steinhice-Coleman und Enkel Charles bringen sie nun an die Öffentlichkeit. Als die amerikanischen Truppen nach der erfolgreichen Invasion in der Normandie über Frankreich und Belgien Richtung Deutschland vorrückten, begannen die Fotos die Ereignisse auf den Schlachtfeldern und vor allem die Verbrechen an der Zivilbevölkerung zu dokumentieren. Auch an der Westfront hinterließen die SS-Schergen ihre unsäglichen Spuren. Am 17. Dezember 1944 wurden im belgischen Malmedy 100 US-Soldaten als Kriegsgefangene exekutiert. Die belgische Zivilbevölkerung unterlag derselben brutalen Behandlung. Selbst Kinder blieben nicht vom SS-Terror verschont. Mit der Befreiung der Konzentrationslager wurde aus dem Bilderfluss von der Front eine wahre Sturmflut. Die Bearbeitung dieses brutalen Bildmaterials blieb nicht ohne Folgen für die Bearbeiterin. In ihrer Einleitung berichtet die Tochter von einer Szene, in der ihre Mutter mitten in London weinend zusammenbricht, als sie auf den Bus wartet. Viele Beschriftungen tragen denn auch den Vermerk: „Nicht zur Veröffentlichung auf den Britischen Inseln, in Frankreich, Belgien und der westlichen Hemisphäre geeignet.“ Als im Juni 1945 in den USA eine Ausstellung mit den von Coleman zusammengestellten Fotos organisiert wurde, war den Besuchern der Eintritt erst ab 16 Jahren erlaubt. Der heute gängige Begriff vom „Holocaust“ darf uns nicht vergessen lassen, dass es dabei um die Ermordung von Millionen von Menschen gegangen ist. Die Fotos in diesem Band zeigen, was das konkret bedeutet. Helmut Trotnow

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