LESESTOFF : LESESTOFF

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P. Henkel, J. Henkel-Waidhofer:

Winfried Kretschmann. Das Porträt. Herder Verlag, Freiburg 2011. 159 Seiten, 14,95 Euro

Winfried Kretschmann war noch nicht gewählt, da lag schon eine Biografie des ersten grünen Ministerpräsidenten in Deutschland vor. Sie bietet viele, sehr viele Details aus dem Leben des philosophisch gebildeten Lehrers, Katholiken und Naturfreundes, der aus der Villa Reitzenstein in Stuttgart nun das wirtschaftsstärkste Bundesland regieren will. Was das Buch nicht bietet, ist ein neues Bild des Grünen-Politikers, sind Einsichten, die sich nicht in Porträts längst ausgebreitet haben. Die beiden Autoren bestaunen einen Mann, der offensichtlich ihrem eigenen politischen Milieu entstammt, und kommen zu jubelnden Urteilen wie: „Der kluge Kopf hat also auch noch Charakter.“ Mag sein. Aber die mangelnde Distanz lässt sich auch nicht durch betuliche Reportageelemente kompensieren: „Pfingstsonntag in Laiz, im April 2011. Vom Wohnhaus der Kretschmanns führen 67 Stufen hinauf zur Kirche St. Peter und Paul.“ Als Bürgerschreck haben die Baden-Württemberger ihn ohnehin nie wahrgenommen, deshalb wird es kaum einen Leser überraschen, dass er nach kurzem Jugendausflug zum Kommunistischen Bund Westdeutschlands schon lange ein bürgerliches Leben führt. Was nach der Lektüre bleibt, ist der Wunsch, dass sich bald ein durch und durch neoliberaler oder wenigstens ein vollkommen unvoreingenommener Autor mit dem Leben des neuen Ministerpräsidenten, seinen Thesen und Taten kritisch und lustvoll auseinandersetzt. Vielleicht käme bei einer solchen Konstellation ein Buch heraus, das, anders als das vorliegende, Funken schlägt.Hans Monath

Josef Kreiner (Hg.): Kleine Geschichte Japans. Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 2010. 516 Seiten, 22,95 Euro.

Längst ist Japan wieder unter unsere Wahrnehmungsschwelle gesunken. Keine Kernschmelze, keine Kaiserhochzeit, keine Schülerselbstmorde – kein Interesse. Und das trotz eines Rätsels, das seit Jahrhunderten ohne Lösung ist: Wie kommt es, dass sich Japan und einige europäische Staaten auf ähnliche Weise entwickelt haben, obwohl es offenbar fundamentale Unterschiede im Denken gibt? Da gibt es Parallelen in der Entstehung einer bürgerlichen Kultur, Ähnlichkeiten beim Sieg der Moderne über konservative Strukturen und Lebensmodelle, da führte sogar die Revolution von 1968 hier wie dort zu terroristischen Abspaltungen. Derart komplex ist die Geschichte der unterschiedlichen Ähnlichkeiten, dass die Autoren der „Kleinen Geschichte Japans“ sie nur anreißen, aber nicht zu erklären oder zu deuten versuchen. Das umfangreiche kleine Buch mit den Kirschblüten auf dem Cover versteht sich eher als ein Reiseführer durch die Geschichte. Es benennt die Tatsachen, die Zusammenhänge, es beschreibt die Ordnung der Dinge: sachlich, gründlich und manchmal etwas trockener, als Leser es sich vielleicht wünschen, die von Japan ganz naiv fasziniert sind. Aber Tatsachen und Epochenbeschreibungen bringen etwas mehr an Informationen als die Art von Berichterstattung, in der es heißt: „Über Fukushima zwei stieg heute morgen wieder weißer Rauch auf.“ Werner van Bebber

Uwe Wesel: Geschichte des Rechts in Europa. Von den Griechen bis zum Vertrag von Lissabon. Verlag C.H. Beck, München 2010. 734 Seiten, 38 Euro.

Die Vergewisserung Europas verläuft, anders als man in aktuellen politischen Debatten den Eindruck bekommen möchte, nicht nur über die Währung. Europas Geschichte ist vor allem eine des Rechts, der emeritierte Berliner Rechtshistoriker Uwe Wesel hat sie aufgeschrieben. Ergänzend zu seiner „Geschichte des Rechts“, die er, beginnend bei den Jägern und Sammlern, chronologisch ordnete, um schließlich topografisch in Deutschland anzukommen, konturiert er nun erst Länder und Regionen jener Halbinsel am Rande Asiens mit Blick auf Griechenland, Rom, Byzanz, Kelten und Germanen; durchstreift sodann Mittelalter, Neuzeit und Moderne, und gelangt zur ehemals gefeuerten Berliner Kassiererin „Emmely“. Ein beeindruckend lehrreiches und fleißiges Überblickswerk, wie es zu Europa noch fehlte, denn man kann sich über Verbindendes nur verständigen, wenn man sich bewusst ist, was trennt. Und hier zeigt Wesel in typisch prägnant-kurzweiliger Weselsprache und mit überbordender Detailfülle, warum etwa Großbritannien doch andere Wege ging als der Kontinent, warum Monarchie nicht gleich Monarchie war und, wie sich aus der Vielfalt der Perspektiven eine gemeinsame Staatstheorie entwickeln konnte, die heute das politische Profil des „Westens“ bestimmt – der gewaltenteilende Verfassungsstaat. Wesels Botschaft: Europa ist trotz seiner Vielgestalt und seiner Differenzen eine reifende (Rechts-)Persönlichkeit, die „anderen“ Kulturen, etwa aus dem Islam oder der Chinas, mit eigener Identität begegnen kann. Was nur, und hier greift das Beispiel „Emmely“, in Demut und Respekt erfolgen sollte. Europa ist nicht ohne Fehl und Tadel, mahnt der bekennende Alt-Linke Wesel, und dass es einen Sozialstaat gibt, heißt noch lange nicht, dass Gerechtigkeit herrscht. Jost Müller-Neuhof

Francisco Goldman: Die Kunst des politischen Mordes. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011. 506 Seiten, 24,95 Euro.

Nach 30 Jahren Bürgerkrieg in Guatemala stellt der katholische Bischof Juan Gerardi im April 1998 seine Dokumentation der Verbrechen jener Epoche vor; wenige Tage darauf wird Gerardi in der Garage seiner Residenz erschlagen aufgefunden. Francisco Goldman, ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller, erzählt den Mord an dem linken Theologen nach, dessen Vollzug und schleppende Aufklärung ein letztes Aufbegehren des alten Systems darstellt. Goldman geht den falschen Spuren nach, die i gelegt worden waren, den Hinweisen auf eine korrumpierte Kirche, auf homosexuelle Neigungen, die auf Raub und Diebstahl, und er spricht mit den Spitzeln und den Zeugen und denen, die erst das eine sind und schließlich doch das andere werden. Er landet dort, wo er und die Menschenrechtsorganisationen gestartet waren: bei den guatemaltekischen Sicherheitskräften des Landes, die während des Bürgerkriegs zu den brutalsten ihrer Art zählten. Goldman schildert die Aufklärung des Mordfalls Gerardi als einen sich über Jahre hinziehenden Abnützungskampf, in dem eine Lüge nach der anderen entlarvt werden muss. Das mehrfach ausgezeichnete Buch ist eine kühle, episch ausgebreitete, eindrucksvolle journalistische Arbeit über einen politischen Mord, der Guatemala erschüttert hat. Am Ende werden Urteile gefällt, auch wenn für eine vollständige Aufklärung des Mordes an Juan Gerardi die Kraft des Landes noch nicht gereicht hat. Moritz Schuller

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