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Hannes Schwenger

Wolf-Dieter Vogel, Verona Wunderlich (Herausgeber):

Abenteuer DDR. Kubanerinnen und Kubaner im deutschen Sozialismus. Karl Dietz Verlag, Berlin 2011. 184 Seiten, 16,90 Euro.

Eine Reise nach Kuba – für DDR-Bürger war das ein Traumabenteuer, das nur für wenige Privilegierte Wirklichkeit wurde. Aber was für eine Art Abenteuer war die DDR für Kubanerinnen und Kubaner, die in erheblicher Zahl – rund 30 000 seit 1961 – meist als Studenten oder Arbeiter hierher kamen? Einer von ihnen hat seine Erinnerungen in deutscher Sprache niedergeschrieben und unter dem Titel „Kubaner im realen Paradies“ 2007 im Karl Dietz Verlag veröffentlicht. Nicht alle seine Landsleute empfanden die Deutsche Demokratische Republik als Paradies oder auch nur als Abenteuer, wie man dem zweiten Buch des Verlags zu diesem Thema entnehmen kann, die meisten eher als Kulturschock: „Alles war ganz anders als Kuba“, erinnert sich der Rentner (damals Ökonomiestudent) Carlos Menendez. „Schon auf dem Flughafen lernten wir die ersten deutschen Tugenden kennen. Sehr freundlich und in der typisch deutschen formalen Art und Weise brachten sie uns in einen schmucklosen und kargen Salon. Dort erklärten sie uns, wie alles laufen würde. Hier begann etwas, was wir von nun an dauerhaft erlebten: Die Deutschen dachten an alles! Sie erklärten uns, was uns in Zukunft erwarten sollte und ließen nicht den geringsten Raum für Improvisationen.“ Nicht viel anders verhielt sich allerdings auch die eigene Botschaft, die ihre Landsleute in der DDR unter strikter Kontrolle hielt – Liebschaften mit Deutschen waren untersagt, ganz ausdrücklich „Kinder zu zeugen“. Verstöße führten zu sofortiger Heimreise, Kindern aus solchen Beziehungen wurden selbst Besuchsreisen nach Kuba zu ihren Vätern und Verwandten verweigert. Kubanische Arbeiter in der DDR erhielten nur 40 Prozent ihres Lohnes ausgezahlt, der Rest wurde von der Botschaft einbehalten und erst zu Hause in kubanischer Währung ausgezahlt. „Wer Ärger machte, wurde zurückgeschickt.“ Trotz solcher befremdlichen Erlebnisse erklären die meisten der 80 befragten Kubanerinnen und Kubaner, wertvolle Erfahrungen in der DDR gemacht und viel für ihr eigenes Leben gelernt zu haben: fast alle nennen an erster Stelle die – hierzulande gern als Sekundärtugenden geschmähten – Regeln der „Pünktlichkeit, Genauigkeit, Disziplin“, die der Ökonom Antonio de Dios „die größten Reichtümer der Deutschen“ nennt. Den DDR-Sozialismus vermisst kaum einer der Befragten; die Geschichte habe es so gewollt. Die Mauer war den meisten von ihnen gleichgültig, auch wenn sie ihnen damals als unvermeidlich erschien. Für die kubanischen Gastarbeiter war ihr Fall allerdings das Ende ihres deutschen Abenteuers. Doch Eduardo Lopez, damals Arbeiter im Automobilwerk Eisenach, versichert noch immer treuherzig: „Wenn Deutschland wieder Hilfe braucht, komme ich gerne zurück.“ Hannes Schwenger

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