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Nichi Vendola:

Es gibt ein besseres Italien: Manifest für eine Politik nach Berlusconi. Kunstmann, München 2011. 172 S., 16,90 €. Das Buch ist ein Regierungsprogramm für ein Italien nach Berlusconi – und für ein anderes Europa: Gute Arbeit statt Prekariat bis ins Rentenalter, gute Schulen für alle, eine Gesellschaft, die ihre Multikulturalität akzeptiert, Gleichheit der Geschlechter und eine ökologische Wende, die Italiens Küsten vor noch mehr schwarzverbautem Beton bewahrt und Rom und Mailand den Weg aus der Autokultur weist. Das Programm, das Nichi Vendola hier ausbreitet, der seit 2005 die Region Apulien regiert, ist entschieden links, ziemlich grün, en gros wie en detail gut argumentiert.

Problematisch wird es allein durch die Person seines Verfassers. Vendola, der als bekennender Schwuler, Katholik und Linker eine staunenswerte Erfolgsgeschichte geschafft hat, ist eine jener charismatischen Figuren, von denen Italien in Ermangelung von „good governance“ ersatzweise übervoll ist und die mittelfristig selbst die besten Absichten ruinieren. Sein Buch legt davon unfreiwillig Zeugnis ab: Die knappen Aussagen über seinen Werdegang erfüllen alle Bedingungen einer linken wie katholischen Heiligenlegende all’italiana, von der harten Arbeit, mit der der Sohn kleiner Leute sein Studium finanzierte, bis zum politisch korrekten Bücherschrank (Brecht-Gesamtausgabe). Spätestens wenn Vendola vom Ehering der Mutter eines Fischers erzählt, den der ihm schenkte und den er seitdem trägt – „für mich eine Art Eheversprechen gegenüber dem Volk“ –, wird klar, dass es berlusconianischen Messianismus auch auf links gedreht gibt. Eine mindestens zu Beginn erschütternd unbeholfene Übersetzung ins Deutsche macht die Lektüre zusätzlich unerfreulich. Fazit: Ein ordentliches Programm für ein anderes Italien, das zudem sichtlich aus der Arbeit der bürgerschaftlich organisierten Denkfabriken „Le fabbriche di Nichi“ schöpft.

Ob eine Demokratie gut daran tut, die Umsetzung dem nächsten selbstverliebten Charismatiker zu übertragen, darf bezweifelt werden. Andrea Dernbach

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