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Hannes Schwenger

Roland Cerny-Werner:

Vatikanische Ostpolitik und die DDR. V&R unipress, Göttingen 2011. 378 S., 49,90 €.

Beim letzten Gespräch des Berliner Kardinals Bengsch mit DDR-Ministerpräsident Stoph und dessen Kirchen-Staatssekretär Seigewasser 1972 nahm der Kardinal kein Blatt vor den Mund: Die DDR könne im Umgang mit der katholischen Kirche „die Kuh nicht melken und zugleich schlachten wollen“. Denn daran, dass im Endzustand des Kommunismus kein Platz mehr für Kirche und Religion sein sollte, hatte die SED nie Zweifel gelassen. Jetzt aber war sie bemüht, den Vatikan für ihre staatliche Anerkennung einzuspannen. Nur musste sie dann eben ihre Kirchenpolitik überdenken. So treffend Bengschs Bemerkung war, so gut wussten beide Seiten, dass man die Kuh sehr wohl erst melken und später schlachten konnte. Allerdings war zweifelhaft, wer am längeren Hebel saß: Der fast zweitausend Jahre alte Heilige Stuhl oder die SED auf ihrem wackligen Melkschemel. Heute kennen wir die Antwort, damals kannte sie auch die katholische Kirche nicht, sondern war seit dem Pontifikat Pauls VI. um die Anbahnung einer vatikanischen Ostpolitik bemüht, die dem Glauben in Osteuropa das Überleben sichern sollte. Ihr Architekt war der spätere Kardinal-Staatssekretär Agostino Casaroli, dessen Nachlass durch eine glückliche Konstellation nicht den langen Fristen vatikanischer Geheimhaltung unterlag und deshalb als Hauptquelle für diese Studie nutzbar war. Hinzu kamen Staatsakten der DDR und ihrer Staatssicherheit. Sie zeigen, dass gerade die DDR für die vatikanische Politik nicht erste Priorität hatte, da sich die Kirche noch auf das Fortwirken – aber nicht auf das von der DDR bestrittene Fortgelten – des Reichskonkordats verlassen konnte, das den Katholiken in Ostdeutschland mehr Schutz als im übrigen Osteuropa bot. Die Kirche konnte mit diesem Status quo besser leben als die DDR, die zur Festigung ihrer Staatlichkeit eine Neuordnung der gesamtdeutschen Bistumsgrenzen und eine DDR- „nationale“ Bischofskonferenz wünschte, aber ihren sieben bis neun Prozent katholischen Bürgern kaum Zugeständnisse machen wollte. So liegen die Gründe wohl auf beiden Seiten, warum die DDR trotz Casarolis Diplomatie schrittweisen Entgegenkommens – die in Bonn und bei der Deutschen Bischofskonferenz auf Widerstand stieß – ihr Ziel bis zuletzt nicht erreichte, zumal sich die ostpolitischen Interessen unter Papst Johannes Paul II. auf Polen konzentrierten. Cerny-Werners Studie folgt den Windungen und Wendungen der vatikanischen DDR-Politik in deren aktivster Phase unter Papst Paul IV. Ihr Höhepunkt war die DDR-Visite Casarolis 1975 und sein Zusammentreffen mit Horst Sindermann und Außenminister Oskar Fischer, bei dem „Konsens darüber bestand, dass in einigen Fragen Uneinigkeit herrschte“. Hannes Schwenger

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