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Hannes Schwenger

Rolf-Dieter Müller:

Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939. Christoph Links Verlag, Berlin 2011. 294 Seiten, 29,90 Euro.

Gibt es noch etwas Neues hinzuzufügen zur inzwischen verfestigten Historikermeinung, Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 – das „Unternehmen Barbarossa“ – sei von ihm in alleiniger Verantwortung und als Erfüllung seiner lang gehegten Weltherrschaftspläne ins Werk gesetzt worden? Hitlers eigene Version, es habe sich um einen ihm aufgezwungenen Präventivkrieg gehandelt, darf man heute getrost, wie der Potsdamer Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller, als „unsinnig“ übergehen, auch wenn man noch immer Apologeten für sie findet, „vereinzelt sogar unter Historikern und pensionierten Generälen“. Dabei bezeichnet Müller seine eigene Bewertung der Operation Barbarossa etwas kokett als einen „scheinbar altmodischen Zugang zum Thema“. Er kommt durch eine militärhistorische Analyse der über Jahrzehnte fortgeführten deutschen Operationsplanungen in Osteuropa zu dem Schluss, dass für den Weg in den von Hitler angestrebten Zweiten Weltkrieg mehrere Optionen im Spiel waren; darunter auch ein sofortiger Überfall auf die Sowjetunion 1939 mit polnischer Rückendeckung, den der deutsche Generalstab aufgrund früherer Planungen vermutlich bevorzugt hätte. Es kam anders, weil der Hitler-Stalin-Pakt eine Chance zu bieten schien, den Zweifrontenkrieg zu vermeiden und zuerst die Westmächte zu schlagen. Was gab dann im Sommer 1940 den Ausschlag, als sich Hitler nach den Erfolgen im Westen erneut dem eigentlichen Feind im Osten zuwandte? Müller fragt: „Gab tatsächlich der Diktator den Anstoß, welche Rolle spielten ideologische Motive, und welche Kriegsvorstellungen entwickelte er? Oder legte ihm sein Generalstab ältere Pläne für einen begrenzten Krieg gegen die UdSSR vor? Dabei wird man in Rechnung stellen müssen, dass die später vor dem alliierten Kriegsverbrecher-Tribunal in Nürnberg angeklagten Generale Hitlers guten Grund hatten, ihre frühen Planungen gegen die UdSSR zu vertuschen. Wie aus dem Modell eines Interventionskrieges von 1939 das Unternehmen Barbarossa als Eroberungs- und Vernichtungskrieg entstand, der 1941 militärisch-operativ bereits nach wenigen Wochen scheiterte - das enthüllt eine größere Mitverantwortung der Heeresführung, als bislang diskutiert worden ist.“ Rolf-Dieter Müllers Buch bietet dazu reiches Indizienmaterial auf, das allerdings die verfestigten Positionen in dieser Frage wohl nur erschüttern, aber nicht durch eine geschlossene Beweiskette widerlegen kann. Aber wann gelingt das schon einmal in den großen Fragen der Geschichte des 20. Jahrhunderts und seiner beiden Weltkriege? Hannes Schwenger

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