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Berthold Merkle

Christopher B. Krebs:

„Ein gefährliches Buch.“ Die Germania und die Erfindung der Deutschen. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 352 Seiten, 24,99 Euro.

Mit dem kaum 30 Seiten starken Band wollte Tacitus seinen römischen Landsleuten ihre eigene Dekadenz vor Augen halten und fantasievoll die Wilden im Norden als moralischen Gegenpol feiern: Ein faktischer Bericht war die „Germania“ nicht. Tacitus hat die Germanen als edle Barbaren beschrieben, spätere Generationen haben daraus die Deutschen gemacht. Diesen Weg zeichnet der Harvard-Philologe Christopher C. Krebs nach. Dazu musste das einst vergessene Werk erst wiederentdeckt werden. Dies besorgten Manuskriptjäger, die bibliophile Kostbarkeiten an die in klassische Texte verliebte Oberschicht des ausgehenden Mittelalters verkauften. Und hier griffen die italienischen Humanisten ein, die auf der Suche nach Bundesgenossen gegen die Türkengefahr die Deutschen an ihre ruhmreiche Vergangenheit erinnerten, und die deutschen, die in der „Germania“ die Wurzeln ihrer eigenen Nation sahen. Mit kriminalistischem Spürsinn durchkämmt Krebs die Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts auf der Suche nach verdächtigen Stellen: Zahlreich sind die Beweise für mutwillige Fehlübersetzungen, böswillige Übertreibungen und auch dreiste Erfindungen. „Immer wieder fiel die ,Germania’ den Wünschen und Ideologien ihrer Leser zum Opfer“, schreibt Krebs. Die Mythenbildung gelang, und in den folgenden Jahrhunderten wurde das Konglomerat aus Übersetzungen und Interpretationen für die wahre Geschichte gehalten. Für den kulturellen Überbau aus Gedichten und Gesängen sorgte die „Edda“, eine Sammlung altnordischer Verse und Prosa. Diese Version nahm sich Mitte des 19. Jahrhunderts der Nationalist Friedrich Kohlrausch vor, der in dem Heldenepos Trost für sein von Napoleon gedemütigtes Vaterland suchte. Die Germanen sollten Vorbild sein für ein einiges Deutschland. Kohlrausch verpasste der von Tacitus erwähnten Reinheit der Stämme einen rassistischen Anstrich. Während der Reichsgründung und dem Kolonialismus war diese ideologisch-rassistisch umgestaltete „Germania“ das richtige Thema zur richtigen Zeit: Bei den Nazis galt die dünne Schrift des Tacitus sogar als „Ersatzbibel“. Die gefährliche Saat der Deutschsucher des Mittelalters war aufgegangen. Detailreich und stringent zeichnet Krebs diesen langen Weg nach – bis zum bitteren Ende. Berthold Merkle

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