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Theo Sommer:

Diese Nato hat ausgedient. Das Bündnis muss europäischer werden. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2012. 126 Seiten, 10 Euro.

Diese Nato braucht kein Mensch. Mit dem Ende des Kalten Krieges verlor das Verteidigungsbündnis seinen einen Gegner im Osten – und damit auch seine Daseinsberechtigung, mindestens jedenfalls seinen Daseinszweck. Seitdem gleicht die welthistorisch mächtigste Militärallianz „einem Hammer auf der Suche nach Nägeln“, schreibt Theodor Sommer, Publizist und einst Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium unter Helmut Schmidt. Die Nato sei ein Bündnis, „das verzweifelt nach neuen Aufträgen sucht“. Und sie findet. Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Terror, organisierte Kriminalität, regionale Krisen, Völkermord, Klimawandel, die Gefährdung lebenswichtiger Handelsrouten, Cyber-Angriffe und, und, und. Die meisten jedoch, „entziehen sich einer Bewältigung durch den Einsatz von Soldaten“, schreibt Sommer. Sein 126-Seiten-Band ist aber kein Nachruf auf die Allianz, sondern ein engagiertes Plädoyer für ein „Dennoch“. Die Alliierten sollten ihr Bündnis so umgestalten, dass es nicht scheitert, bloß weil es sich überfordert. Denn die Vertragsorganisation völlig aufzulösen, erscheine angesichts der denkbaren Bedrohungen, seien sie auch noch so unwahrscheinlich, „reichlich riskant“. Die Nato sollte sich nach Sommers Willen bescheiden, beschränken, konzentrieren. In erster Linie heißt das, sie sollte versuchen, mehr zu sein als ein reines Militärbündnis, sollte sich vielmehr zum politischen Verbund wandeln, nicht nur rüsten, auch reden. Und zwar im Wissen darum, dass es beides braucht: soft und hard power, die strategische Potenz der USA und die wirtschaftliche und diplomatische Potenz der Europäer. Wobei Europa seine Hausaufgaben machen müsse und sich in eine solche Form bringen, „die es ihm erlaubt, den Amerikanern auf Augenhöhe zu begegnen“. Sommers Analyse ist schonungslos. Und dennoch erscheint sein Resümee als möglicherweise zu optimistisch. Allzu auseinanderdriftend ist das Politikverständnis dies- und jenseits des Atlantiks, allzu divergierend die unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten, Potenziale der 28 Nato-Partnerstaaten – ganz zu schweigen vom jeweiligen Willen oder Unwillen sich einzubringen, finanziell, politisch oder militärisch.

Michael Schmidt

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