LESESTOFF : LESESTOFF

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Dimitris J. Calandranis:

Getting to understand the Greeks. 96 Seiten, 12 Euro. Im Eigenverlag direkt über den Autor zu beziehen : djcaland@otenet.gr

Wer die griechische Seele in all ihren Verästelungen beschreiben könnte, sei ein Anwärter auf den Nobelpreis, schreibt Dimitris Calandranis ironisch zu Beginn seines in Englisch verfassten Büchleins. Doch dann beginnt der Autor ein paar Wesenszüge aufzuzählen und beleuchtet dabei vor allem die Paradoxien seiner Landsleute, das Liebenswerte und Chaotische in ihren freundlichen, kindlichen Seelen. Man spreche dem Griechen Gastlichkeit zu, Großzügigkeit, Offenherzigkeit, schreibt Calandranis. Aber ebenso wird über seine Inkonsequenz geklagt, seine Nachlässigkeit, seinen Ungehorsam, seine Sorglosigkeit und den fehlenden Sinn für Planung und Organisation. „Ich habe den Eindruck“, schreibt Calandranis, „dass das Problem der Griechen ihre berühmte Geschichte ist.“ Man könnte sagen, behauptet der Autor, dass es kaum einen Ort auf der Welt gebe, an dem Griechen aus der Antike nicht auf die eine oder andere Weise erwähnt werden. Doch irgendwann kam die türkische Besetzung, die rund vierhundert Jahre dauerte. Und während in Europa die Renaissance blühte, versank Griechenland in Apathie und Unfreiheit. Und während die Renaissance die antike griechische Zivilisation wiederentdeckte, verharrte das Ursprungsland in Dunkelheit und Elend. Calandranis war lange Jahre Mitarbeiter einer Schweizer Fluggesellschaft in Griechenland. Seit seiner Pensionierung lebt er auf der Kykladeninsel Paros. In seinen Essays schreibt der 76-Jährige über eigene Träume und Zerrissenheiten, macht sich lustig über den Ausnahmezustand Hochsaison, schreibt über den zweifelhaften Sport, kleine Vögel zu schießen, macht sich Gedanken über die Bedeutung der Kirche und plädiert für die Überwindung von Glaubensschranken. Dimitris Calandranis umkreist in sechzehn kurzen Texten Sitten und Traditionen seiner Landsleute und kehrt immer wieder zu seiner These zurück: „Das Problem der Griechen ist es, dass sie die Vergangenheit mit der Gegenwart verwechseln.“ Der Grieche glaube, er sei immer noch das Zentrum der Welt, und dass die Welt seine Schwierigkeiten verstehe, weil es seine Geschichte ja so gut kenne. Und so plädiert der Autor für Nachsicht (bei den Nordeuropäern) und Einsicht (bei seinen Landsleuten). Stefan Berkholz

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