LESESTOFF : LESESTOFF

Wolfgang G. Schwanitz

Bernard Lewis with Buntzie Ellis Churchill:

Notes on a Century. Reflections of a Middle East Historian. New York, Viking Press 2012. 388 Seiten, 28,95 Dollar.

Osama Bin Laden habe ihn berühmt gemacht, schreibt Bernard Lewis in seinen Memoiren. In der Tat: Dieser Sohn Arabiens hat mit seinen Anschlägen die Bücher des Princetoner Gelehrten zu Bestsellern gemacht. Und auch den Einordnungsbedarf, der durch die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington entstand, konnte Lewis decken – durch seine 32 Bücher über Mittelost und den Islam, die in ebenso vielen Sprachen vorliegen. Deutsche finden in ihren Regalen unter einem Dutzend übertragenen Bänden „Die Araber“, „Die Juden des Islam“, „Kaiser und Kalifen“ oder den „Untergang des Morgenlandes“. Die Hälfte dieser Bücher schrieb Lewis als Emeritus. Was für eine Energie, gepaart mit der Kunst, sich in 15 Sprachen bewegen zu können! Geboren im dritten Jahr des Ersten Weltkriegs, studierte Lewis an Londons Universität. An deren Schule für Orientstudien promovierte er über die Islamsekte der Ismailiten. Seine akademische Karriere unterbrach der Zweite Weltkrieg. Da er den Nahen Osten gut kannte, diente er im Militärischen Geheimdienst MI6. Fünf Jahrzehnte später war er in Israel, als Iraks Scud-Raketen einschlugen (ein Foto zeigt ihn mit Gasmaske, Zeitung lesend). Bernhard Lewis edierte Bücher über Araber in der Geschichte, die Türkei sowie den Islam und den Westen. Bis 1974 war er in London Professor für Nahoststudien, ehe er nach Princeton berufen wurde, wo er auch ans Institute for Advanced Study berufen wurde. Er war der Erste in Großbritannien, der unter Historikern die Nahoststudien als Universitätsfach etabliert hat. Im Seminar für Geschichte und Kultur des Orients am Hamburger Kolonialinstitut eilte ihm der Deutsche Carl Heinrich Becker 1909 voraus, ehe dieser Begründer der modernen Islamologie im Ersten Weltkrieg des Kaisers Dschihadisierung und den Islamismus belebt hat. Lewis’ Popularität als Autor erklärt sich durch seine Fähigkeit, die Bedeutung der drei großen Religionen und ihre Verwurzelung in der Region auch für Laien verständlich zu machen. Lewis ist nicht unumstritten: Der Irakkriegsbefürworter findet sich zum Beispiel bei der Bewertung der Massaker an den Armeniern auf türkischer Seite wieder. Immer wieder geriet er auch mit Edward Said aneinander. „Notes on a Century“ ist autobiografischer Rückblick des mittlerweile 96-Jährigen und zugleich Positionsbeschreibung des Historikers: „Die Vergangenheit, wie sie erinnert wird, wie sie wahrgenommen wird, wie sie erzählt wird, hat noch immer einen starken, bisweilen sogar entscheidenden Einfluss auf das Selbstbild einer Gesellschaft.“

Wolfgang G. Schwanitz

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