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Helmut Lölhöffel

Fred Pearce:

Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden. Antje Kunstmann, München 2012. 397 S., 22,95 €.

„Kaufen Sie Land. Es wird keines mehr gemacht.“ Dieses ironische Zitat Mark Twains hat der britische Umweltjournalist Fred Pearce seiner Anklage gegen die weltweiten Land Grabbers, übersetzbar als Landraffer, vorangestellt. Investoren, die Verluste mit Derivaten gemacht haben, fliehen aus Börsenkonstrukten und wenden sich Reellem zu: dem Boden. Als Top-Kapitalanlage gilt Ackerland. Skrupellose Spekulanten, aber auch Investoren, die edle ethische Motive vorgeben, kaufen von geldgierigen Regierungen oder in Konkurs gegangenen Großgrundbesitzern riesige Ländereien, übernehmen abgewrackte Staatsgüter oder reißen sich Felder ohne eingetragene Besitzrechte unter den Nagel. Kein Mensch weiß, wie viele Millionen Hektar Gemeingut schon in privaten Händen sind. Die Aufkäufer sind Getreidehändler und Schinkenverkäufer, Zuckerproduzenten und Agrarkonzerne. Es sind Kanadier und Südafrikaner, Finnen und – längst an der Spitze – Chinesen, die sich in sicherer Erwartung steigenden Nahrungsmittelbedarfs eindecken. Sie vertreiben die einheimischen Bauern und wandeln pflanzenreiche Naturlandschaften, aber auch ödes Brachland in kommerzialisierte Monokulturen um. Ganze Landstriche Liberias und Paraguays, der Ukraine und Australiens, Kambodschas und Mosambiks sind schon verramscht. Pearce stellt den Kampf um Grund und Boden dar, der schon längst im Gange ist, aber nicht so stark wie etwa der Klimawandel als katastrophale Gefahr erkannt wird. Wie Wilfried Bommert, Vorsitzender des Instituts für Welternährung, in seinem Buch „Bodenrausch“ (siehe Tagesspiegel vom 11.6.2012) sieht Pearce die Gier nach Land als neue Form des Kolonialismus – betrieben von Konzernen, Banken, Hedgefonds und Ölscheichs, aber auch von der kolumbianischen Drogenmafia und der Moon-Sekte. Das Buch endet mit einem erstaunlichen Anhang, der unbekannte und unbeachtete Quellen nennt, aus denen sich ablesen lässt, was wir alles schon wissen könnten, das Pearce reportageartig lebendig beschreibt.Helmut Lölhöffel

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