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Christine Bergmann:

Von Null auf Hundert. Stationen eines politischen Lebens. Wichern Verlag, Berlin 2012. 180 S., 16,95 €.

Als Schulmädchen in Dresden Anfang der 50er Jahre durfte sie im sächsischen Regierungsgebäude essen – gemeinsam mit Regierungsmitarbeitern. Denn die bekamen Extraportionen und sollten unterernährten Kindern etwas abgeben. Das blonde Mädchen war allerdings nicht sonderlich dankbar. „Es gefiel mir überhaupt nicht, dass die Regierung besser versorgt wurde als der Rest der Bevölkerung. Das fand ich nicht gerecht“, schreibt Christine Bergmann in ihrer Autobiografie „Von Null auf Hundert“.

Schon damals war also angelegt, was die energiegeladene, heute 73 Jahre alte Frau zeitlebens angetrieben hat. Manfred Stolpe, der frühere Ministerpräsident in Brandenburg, hat das in dem schönen kleinen Buch so ausdrückt: „Sie hat Politik als Mittel zur Nächstenliebe, als Hilfe für benachteiligte Menschen verstanden und praktiziert.“

Andere Weggefährten, die im Buch zu Wort kommen, attestieren Christine Bergmann Mut, weil sie ihren Standpunkt vertreten hat und sich auch von SED-Kadern nicht einschüchtern ließ. Als es nach dem Mauerfall möglich war, Politik selbst zu gestalten, fasste sie sich ein Herz und legte los: Eintritt in die SPD, Präsidentin der Berliner Stadtverordnetenversammlung, Senatorin für Arbeit und Frauen, Bundesfamilienministerin im Kabinett Schröder.

Das Buch bietet auch einen guten Überblick über all das, was die Ost-Frau im Westen angestoßen hat. Sie kämpfte für die Gleichstellung von Männern und Frauen im Beruf, für Ganztagsschulen und Krippenplätze, sie warb für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, setzte ein höheres Kindergeld durch und machte aus Erziehungsurlaub die „Elternzeit“, um auch Männer dazu zu bringen, sich um ihre Kinder zu kümmern.

„Es gibt Verletzungen und du merkst irgendwann, dass du auch Schaden an deiner Seele nimmst“, schreibt sie in der Autobiografie über das Politikerleben. 2002 hörte sie auf – um 2004 als Ombudsfrau für Hartz-IV-Probleme zurückzukehren. 2011 gab sie ihr letztes Amt ab: Als erste Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs hatte sie vielen gequälten Menschen Gehör in der Öffentlichkeit verschafft. Seit ihrer Studentenzeit engagiert sie sich in der Kirche. Ihr Lebensmotto, gut lutherisch, lautet: „Hier ist dein Platz, gekniffen wird nicht.“ Man kann viel lernen von ihr – nicht nur als Frau. Claudia Keller

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