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Michael Baade:

Mein Freund Egon. Leben und Sterben von Egon Schultz.

Ingo Koch-Verlag, Rostock 2012. 326 S., 24 €.

Für die SED-Führung war Egon Schultz ein Märtyrer der Mauer, 1964 beim Schutz der DDR-Grenze „von Westberliner Agenten meuchlings ermordet“. Fast 120 Schulen, Betriebe, Truppenverbände und andere Institutionen trugen den Namen des Volksschullehrers; zu seiner Erinnerung wurden Lieder, Gedichte und ein Kinderbuch geschrieben. Doch wie der Grenzer Egon Schultz wirklich starb, wurde erst elf Jahre nach dem Ende der DDR aus den Akten der Staatssicherheit bekannt: Nicht der Fluchthelfer, der gerade Menschen durch einen selbstgegrabenen Tunnel nach West-Berlin bringen wollte, hatte Schultz erschossen, sondern dessen eigene Kameraden – von hinten mit einer Garbe aus der Maschinenpistole. Die Stasi hatte das immer gewusst, dennoch wurde Schultz in der Propagandaschlacht gegen den Klassenfeind im Westen als Märtyrer missbraucht. Die wahre Geschichte seines Todes hat der Autor Michael Baade nachgezeichnet, der Schultz persönlich kannte. Der Autor hat viele Dokumente zusammengetragen, die zeigen, wie perfide die SED den toten Grenzer missbrauchte, bis hin zum Auftritt von Erich Honecker beim Staatsbegräbnis. Bis zu ihrem Tod erfuhren Schultz’ Eltern nicht, wie ihr Sohn ums Leben kam. Auch der Fluchthelfer, der tatsächlich einen Schuss abgegeben hatte, wusste bis zu seinem Ableben nicht, dass er den Grenzsoldaten nicht getötet hatte und trug lebenslang an seiner Schuld. Seit 2004 gibt es wieder eine Gedenktafel für Schultz in Berlin. Joachim Gauck mahnte bei der Enthüllung der Tafel in Wedding, allen Mauertoten gebühre ehrendes Gedenken.gn

2011 hat Thomas von Lindheim mit „Bezahlte Freiheit“ einen komprimierten Abriss des Häftlingsfreikaufs zwischen den beiden deutschen Staaten veröffentlicht (Nomos Verlag, 143 S., 38 €). Die schmale, aber gründliche Studie fasst alles zusammen, was die noch unvollständige Aktenlage (vor allem der alten Bundesrepublik) hergibt. Dem kann auch der opulente Sammelband Freigekauft, den „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann herausgegeben hat, nichts Neues hinzufügen, außer der sehr eindrucksvollen Bilddokumentation mit eingestreuten Kurzporträts der Akteure auf beiden Seiten – Politiker, Staatssekretäre, Rechtsanwälte und Stasileute – und ihrer „Handelsobjekte“ (Piper Verlag, München 2012. 208 S., 17,99 €) . Sie kommen hier mit Recht als Subjekte mit ihrer persönlichen Sicht auf das Erlebte zu Wort. Als Autoren hat der Verlag die Historiker Andreas H. Apelt, Ralf Georg Reuth und Hans-Wilhelm Saure gewonnen, die eine lückenlose Chronik des Freikaufs (mit Seitenblick auf den Agentenaustausch über die Glienicker Brücke) vom Mauerbau bis zum Mauerfall entrollen. Die spektakulären Bilder dazu fanden sich nicht nur im Archiv der „Bild“, die dank des Engagements ihres Verlegers Axel Springer in Berlin stets vor Ort dabei war. Dass er auch zu den Initiatoren des Häftlingsfreikaufs gehörte, ist keine Neuigkeit, aber hinreichender Grund für die auf dem Einband sichtbar dokumentierte Mitwirkung der Zeitung an dieser Herausgabe. Unterm Strich bleibt Lindheims Studie für den wissenschaftlichen Gebrauch unverzichtbar, das Bilderpanorama für den Haus- und Schulgebrauch aber vermutlich noch eindrucksvoller. HS

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