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LESESTOFF : LESESTOFF

07.01.2013 00:00 Uhrvon

M.Daxner, H. Neumann (Hg.):

Heimatdiskurs. Wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändern. Transcript Verlag, Bielefeld 2012. 340 Seiten, 32,80 Euro.

Das Problem beginnt im Kopf: Der ,Krieg gegen den Terror’ sei keinesfalls die existenzielle Bedrohung, als die sie gemeinhin dargestellt wird. Das schreibt Florian Kühn, der interessanterweise an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr aktiv ist. Eine Vielzahl von Verzerrungen über den Krieg und das Bild der ,Intervenierten’ (lies: Afghanen und Balkanvölker) beklagen die Autoren dieses Sammelbandes, ernüchtert davon, „wie wenig wir uns von der vor-aufgeklärten Weltsicht kolonialen Klassifizierens“ wegbewegt haben (Michael Daxner, Soziologe und Konfliktforscher).

Die Autoren aus Politik- und Medienwissenschaft hinterfragen vielmehr Stereotype und Denkmuster der jungen, aber bereits interventionserfahrenen Berliner Republik. Das pazifistische Nachkriegsnarrativ, das prägend ist für eine Hälfte der Deutschen, wird dabei nicht pauschal zurückgefordert. So sei Deutschland immer sorgsam darauf bedacht gewesen, „dass die anderen foltern mögen und Menschenrechte verletzen, man selbst aber nicht“. Die tugendhafte Rolle aber sei spätestens mit dem Bombardement in Kunduz ausgespielt, meinen die Herausgeber. Das Buch ist eine Begegnung der Generationen: Der akademische Nachwuchs kommt ebenso zu Wort wie bekannte Experten. So untersucht eine Gruppe junger Forscher der FU Berlin Titelbilder des „Spiegel“ zu den Kriegseinsätzen und vergleicht sie mit Radierungen Goyas. Ein weiterer Aufsatz untersucht kulturelle Vorurteile gegenüber der lokalen Bevölkerung. Berit Bliesmann, Expertin für Out-of-Area- Einsätze, begleitet Politiker bei ihren Truppenbesuchen am Hindukusch. Fazit: Theaterreife Inszenierungen, bei denen sich deutsche Soldaten regelmäßig instrumentalisiert fühlen durch unsere Volksvertreter. Karl-Theodor zu Guttenberg lässt grüßen. ,Heimatdiskurs’ ist weder ein linkes oder pazifistisches Projekt noch ein affirmatives Buch. Es ist vor allem eine Arbeit, die genau hinschaut, Worte und Inszenierungen entlarvt. Die Medien, schreibt Daxner, seien bei alledem mehr Getriebene als Sinn stiftendes Korrektiv. Die Herausgeber reden von „work in progress“, was zutrifft, denn das kollektive Gedächtnis zu den Auslandseinsätzen ist gerade erst im Entstehen. Die Lektüre schärft immerhin die Wahrnehmung über andere und uns selbst. Mal gelingt das gut, mal bleibt es bei Andeutungen. Mehr Bestand als die Heimkehrer-Literatur hat das allemal. Martin Gerner

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