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Hannes Schwenger

Werner Otto Müller-Hill:

„Man hat es kommen sehen und ist doch erschüttert.“ Das Kriegstagebuch eines deutschen Heeresrichters 1944/45. Siedler Verlag, München 2012. 176 Seiten, 19,99 Euro.

Warum hat es so lange gedauert, bis systemkritische Tagebücher von Beamten der Nazijustiz veröffentlicht wurden? Vor einem Jahr erst erschienen die Aufzeichnungen des Justizbeamten Friedrich Kellner, der schon 1938 in seinem geheimen Tagebuch klagte: „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne.“ Jetzt lesen wir die Aufzeichnungen eines dienstverpflichteten deutschen Heeresrichters in Straßburg, der die Terrorurteile seiner Kollegen („ausgesprochene Blutrichter“) so kommentiert: „Dass dies das Ende der Justiz ist, ist klar.“ Er selbst hat nie ein Todesurteil gesprochen und angeklagte Soldaten geschützt, statt „zur Abschreckung“ Terrorurteile zu verhängen. Als erwiesenermaßen unbelastet konnte er im badischen Justizdienst 1947 Beamter auf Lebenszeit und Oberstaatsanwalt in Offenburg werden. Warum also hat es nach seinem Tod 1977 (mit 92 Jahren!) noch über drei Jahrzehnte gedauert, bis sein Tagebuch veröffentlicht wurde? Weil in der alten Bundesrepublik noch zu viele „furchtbare Juristen“ in Amt und Würden waren? Oder weil gerade die Wehrmachtsjustiz „unter dem großen Schutzschirm der Legende von der ,sauberen‘ Wehrmacht“ von kritischer Aufarbeitung verschont blieb? Wolfram Wette sieht das in seinem Vorwort so. Die Lektüre des kaum 150 Seiten umfassenden Tagebuchs vom 28. März 1944 bis 7. Juni 1945 bestätigt dieses Urteil. Der mutige Richter sieht anders als seine Endsieggläubigen Kollegen die militärische Katastrophe „unabwendbar“ kommen, bewundert den Mut der Offiziere des 20. Juli 1944, „denen der Gedanke an die Rettung des Volkes näher lag als die Sorge um die eigene Existenz“. Er selbst weiß, dass er bei Entdeckung seines Tagebuchs entlassen und der Gestapo überstellt würde. Er weiß von den Judenmorden, die er – national gesinnt, aber nie Mitglied der NSDAP – „unheldisch, unmilitärisch und absolut undeutsch“ nennt und als Mord und Blutschuld bezeichnet . Dabei macht er sich keine Illusionen: „Vielleicht werde auch ich als Exponent nationalsozialistischer Willkür und Blutherrschaft liquidiert werden, wer weiß? Es wird mich niemand fragen, ob ich diese schauerlichen Dinge gebilligt habe oder ob ich womöglich an ihnen beteiligt war.“ Dazu ist es zum Glück nicht gekommen. Hannes Schwenger

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