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Necla Kelek:

Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen – eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2012. 237 Seiten. 18,99 Euro.

Vor einem Jahr reiste die Soziologin und Autorin Necla Kelek zwei Monate durch Ägypten, Tunesien und Marokko, um herauszufinden, wie es den Frauen dort nach der arabischen Revolte ging. Ihr Fazit ist ernüchternd: „Die Hoffnung, die säkulare Frauen in die ägyptische Revolution gesetzt hatten, wurde enttäuscht. Die Träume, mit dem Sturz der Despotie auch das patriarchalische System zu erschüttern, die Hierarchie zwischen Männern und Frauen abzubauen, Gleichberechtigung und individuelle Freiheiten zu erlangen, sind erst einmal geplatzt.“ Wie sehr sie damit recht hat, zumindest bezogen auf Ägypten, zeigen die täglichen Nachrichten von Vergewaltigungen auf Straßen und Plätzen in Kairo. „Hurriya“, „Freiheit“, werde im postrevolutionären Ägypten verstanden als „Freiheit, Allah zu dienen“, schreibt Kelek, und noch nicht im Sinne von „Libertas“, der freien Gesellschaft. Die Kluft zwischen religiösen und säkularen Lebenswelten ist groß, die Verständigung zwischen säkular und religiös geprägten Frauen kaum möglich. Ihr Bericht ist eine Mischung aus Reportage, historischer Abhandlung und politischer Analyse. Die Leser erleben eine Kreuzfahrt auf dem Nil, treffen Demonstranten in Kairo, diskutieren mit Studenten einer besetzten Universität in Tunis. Schuld an der sozialen und politischen Misere ist für Kelek der Islam beziehungsweise die rückständigen Interpretationen, die die Religionswächter davon geben. Wo auch immer die Reisende hinkommt, als Erstes registriert sie die Kopftuchdichte. Das Tuch ist für sie der Gradmesser für die Unterdrückung der Frau. Doch leider spricht sie nur selten direkt mit religiösen Frauen, die ihr Haar bedecken, in die armen Bevölkerungsschichten traut sie sich gar nicht hinein. Lieber geht Necla Kelek in Kairo ins Weihnachtsoratorium und ins europäisch geprägte Café und spricht mit Vertretern deutscher politischer Stiftungen über die Rolle der Frauen. Was Karl May über Arabien fantasierte oder Rainer Maria Rilkes Eindrücke über eine Moschee sind wichtiger als der Versuch, mit Salafisten oder Muslimbrüdern direkt ins Gespräch zu kommen. Der Erkenntnisgewinn des Buches geht deshalb kaum über das hinaus, was westliche Medien in den vergangenen zwei Jahren berichteten. Das Überraschende an dem Buch ist ein Randaspekt, nämlich wie Necla Kelek auf einmal die Türkei wahrnimmt: In früheren Büchern wie „Bittersüße Heimat“ hatte sie für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seine religiös geprägte AK-Partei nur Verachtung übrig. Überall sah sie dort gefährliche Islamisten auf dem Vormarsch. Doch im Vergleich mit den fundamentalistischen Salafisten in Ägypten erscheint ihr die Entwicklung, die die Türkei unter Erdogan genommen hat, geradezu vorbildlich demokratisch. Claudia Keller

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