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Hannes Schwenger

Christian Lannert:

„Vorwärts und nicht vergessen?“ Die Vergangenheitspolitik der Partei ,Die Linke’ und ihrer Vorgängerin PDS. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 294 Seiten, 29,90 Euro.

Auf dem Titel der Studie über die Vergangenheitspolitik der PDS und der Linke schreiten Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Hans Modrow bei einer Gedenkfeier auf dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde „Seit’ an Seit’“. Doch ihr Mit- und Nebeneinander illustriert zugleich die schwer vereinbaren vergangenheitspolitischen Identitäten innerhalb der aus der ostdeutschen SED/PDS und der westdeutschen WASG neuformierten gesamtdeutschen Partei „Die Linke“. Ihre heterogene Mitgliedschaft zwingt sie zu einem geschichtspolitischen Spagat zwischen DDR-Apologie und Bekenntnis zur pluralistischen und demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik. Dabei stehen sich Befürworter einer reformierten, gesamtdeutschen sozialistischen Richtungspartei und eine – wohl immer noch – Mehrheit von Altmitgliedern gegenüber, „welche die Ablösung von Grundvorstellungen des Staatssozialismus nicht vollziehen wollten bzw. konnten“. Für sie war der Stalinismus kein Systemfehler, sondern als „Personenkult“ nur eine Deformation des wahren (und die DDR historisch legitimierenden) Sozialismus, war die Stasi ein ganz normaler Geheimdienst, dessen Täter und Profiteure heute Verfolgte und Opfer einer Siegerjustiz seien, und bleibt die DDR ein tragisch gescheiterter sozialistischer Versuch. Der sogar in seinem Scheitern noch zukunftsweisend sei, wenn die Linke aus den Fehlern der SED gelernt habe. Das alte neue Zauberwort für eine politische Hegemonie der Linken bleibe der Antifaschismus, der schon als Gründungslegende der DDR dienen musste. „So wird der Untergang zum Übergang und zum uneingelösten Versprechen“, lautet Christian Lannerts Fazit der vergangenheitspolitischen Dialektik, mit der Die Linke alte und neue Klientel zusammenhält. Ihre ideologischen Facetten belegt seine Studie mit einem Querschnitt durch die Binnenlandschaft der Partei und ihrer Medien, Unterorganisationen, Plattformen und Arbeitskreise – von der Historischen Kommission der früheren PDS über die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Kommunistische Plattform bis zum „Insiderkomitee“ ehemaliger Stasi-Offiziere. Für sie heißt die Parole noch immer in schönem Doppelsinn „Vorwärts und nicht vergessen“. Hannes Schwenger

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