LESESTOFF : LESESTOFF

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Uwe Ritzer, Olaf Przybilla:

Die Affäre Mollath. Der Mann, der zu viel wusste. Droemer Verlag , München 2013. 240 Seiten, 19,99 Euro.

Beim Schicksal Gustl Mollaths beschleicht viele Menschen ein grauenhafter Verdacht: dass es in unserer Gesellschaft womöglich auch anderen, vielleicht sogar fast jedem so ergehen könnte wie dem Mann aus Nürnberg. Dass man bei einer Verquickung aus Gemeinheit, Intrige, Unfähigkeit und Schlamperei in der geschlossenen Psychiatrie landen könnte – als Irrer abgestempelt und ohne zu wissen, ob man je wieder rauskommt. Die beiden Journalisten Uwe Ritzer und Olaf Przybilla von der „Süddeutschen Zeitung“ haben nun die Geschichte des 56-jährigen Mannes als Buch aufgeschrieben, der seit sieben Jahren in verschiedenen bayerischen psychiatrischen Anstalten eingesperrt ist und für seine Freiheit kämpft. Er hatte seine Ex-Frau beschuldigt, als Bankberaterin massenhaft Schwarzgeld in die Schweiz geschafft zu haben. Angeklagt war er, weil er die Frau zusammengeschlagen haben soll. Das Gericht bescheinigte ihm einen Schwarzgeld-Wahn und erklärte ihn für unzurechnungsfähig und gemeingefährlich. Doch die Anschuldigungen stimmten. Die Autoren sind Mollath-Experten, die sich seit Herbst 2012 mit dem Geschehen in seinen unzähligen Drehungen und Wendungen intensivst befassen und mit ihren Artikeln teils regelrechte journalistische Feuerwerke entfacht haben. In diesem Jahr erhielten sie dafür einen Wächterpreis der Tagespresse. Erst mit ihren Veröffentlichungen gelangte der einstige Oldtimer-Restaurateur in die Öffentlichkeit. Das Buch bietet nun Lesern einen Einstieg, die sich bisher nicht so sehr mit dem Sumpf aus fehlerhaften Gerichtsurteilen und dubiosen Psychiatrie-Gutachten befasst haben. Die Autoren schaffen es aber auch, den verästelten Fall umfassend darzustellen nach jetzigem Stand der Erkenntnis. Leichte Nachlässigkeiten und Wiederholungen sind der Aktualität des Buches geschuldet. Besonders anschaulich wird geschildert, wie sich das „kafkaeske“ System, in dem alle mit allen zusammenhängen, immer wieder schließt. Juristen berufen sich auf Psychiatrie-Gutachten von angeblichen Koryphäen, die Mollath überhaupt nicht persönlich untersucht hatten. Spätere Gutachter wiederum sehen das Gerichtsurteil als unumstößlich an, ebenso wie die Arbeiten der Vorgänger. Die Fachministerin Beate Merk (CSU) steht hinter der Justiz. Nichts wird unternommen, um ganz offenkundige haarsträubende Fehler zu korrigieren, stattdessen versuchen die Experten immer haarspalterischer und mit großer Energie, das Falsche doch als richtig zurechtzubiegen. Ist Mollath verrückt? Die Autoren sagen, dass sie das nicht wissen. Aber sie wissen, dass der Rechtsstaat in seinem Fall „multipel versagt“ hat. Patrick Guyton

Liliana Kern: Die Zarenmörderin. Das Leben der russischen Terroristin Sofja Perowskaja. Osburg Verlag, Hamburg 2013. 270 Seiten, 24,90 Euro.

„Nachdem der Scharfrichter ihr den Boden unter den Füßen entzogen hatte, blieb sie ohne Konvulsionen in der Luft schweben. Sie starb leicht.“ Sofja Perowskaja, die selbst von den Romanows abstammte, hatte das Bomben-Attentat auf Alexander II. organisiert, das den Zaren im März 1881 tötete. Es war das vorläufig letzte Aufbäumen einer Schar revolutionärer Intellektueller, die lange im Untergrund gegen das Regime gekämpft hatte und zu jenem Zeitpunkt eigentlich fast vollständig zerschlagen war. Liliana Kern schildert die Radikalisierung der Perowskaja auch als persönliche Abrechnung mit dem eigenen Vater und mit ihrem Revolutionsgenossen und Liebhaber Andreij Scheljabow – also als ein Kampf mit dem „patriarchalischen Russen der absolutistischen Ära“. Dieser Fanatismus verband sie jedoch mit großen Teilen ihrer Generation und er verschwand auch nicht mit den öffentlichen Exekutionen: War die ernste Sofja Perowskaja zu Beginn noch eine der Narodniki, der „Volkstümler“, die allein durch Agitationsarbeit auf dem Land die Bauern zum Umsturz bewegen wollten, wurde sie – beeindruckt von der Unterdrückungsgewalt des Regimes und verführt von Scheljabow, einem Mann der Tat – zur Terroristin, die keine Alternative mehr zur Gewalt und Mord sehen konnte. Auch den eigenen Tod nahmen die Anarchisten dafür bereitwillig in Kauf. Der Zar hatte bereits mehrere Attentatsversuche überlebt, als ihm Ignazi Grinewizki am 1. März eine Bombe vor die Füße warf. Dass der zu diesem Zeitpunkt ein politisches Liberalisierungsprogramm umzusetzen bereit war, hat die militante Gruppe gar nicht mehr wahrgenommen. Der Tod Alexanders brachte schließlich nicht mehr Freiheit, sondern unter seinem Nachfolger mehr Repression. Moritz Schuller

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