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Berthold Merkle

Otto Dov Kulka:

 Landschaften der Metropole des Todes. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013. 192 Seiten, 19,99 Euro.

Traumbilder, Kindheitserinnerungen aus dem Mittelpunkt der Hölle. Der israelische Historiker Otto Dov Kulka hat nach vielen Jahrzehnten seine Erlebnisse aufgeschrieben, die er als Kind im KZ Auschwitz hatte. Es ist ein erschütterndes Dokument. Es ist Kulkas Herangehensweise, die sein Buch so außergewöhnlich macht: Der Kontrast zwischen einer Kindheit, die voller schöner Momente war – inmitten der menschenverachtenden Brutalität und des industriellen Massenmordes. Der Anblick des klaren blauen Sommerhimmels mit den kleinen silbrigen Flugzeugen über dem Vernichtungslager nennt der Autor „die schönste Erfahrung in den Landschaften der Kindheit“. Immer wieder wird die verzweifelte Frage gestellt, warum ausgerechnet das Volk der „Dichter und Denker“ für den Tiefpunkt der Humanität verantwortlich ist. Kulka nimmt sich diesem Widerspruch in seiner ganz eigenen Form an. Er schildert, wie ein junger Mann im „Familienlager“ von Auschwitz die Kinder in Geschichte und Philosophie unterrichtet. Sie lernen, wer Kant und Goethe waren. Der Kinderchor singt die „Ode an die Freude“ nach der Melodie von Beethoven und dem Text von Schiller. Unterdessen werden 300 Meter weiter die Leichen aus den Gaskammern gezerrt und in die Verbrennungsöfen geworfen. Als Erwachsener hat der Autor oft überlegt, was sich der Chorleiter wohl gedacht hat. Sarkasmus? Zynismus? Oder eine völlig aussichtslose Demonstration als „die einzig mögliche Reaktion“ in diesem unmenschlichen Umfeld? Für das Kind war es lebenswichtig im wahrsten Sinne des Wortes – auch all die Jahre nach Auschwitz. Kulka kommt den Schrecken auf verschiedenen Ebenen näher. Bei Besuchen im alten KZ und den Gedenkstätten drängen seine Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Schockierende Szenen schildert er: Der Abschied von seiner Mutter, die nach Stutthof verschickt wird, wie er selber zweimal der Selektion entkommt und den Todesmarsch vom Januar 1945 irgendwie überlebt. Wirklich Erlebtes mischt sich mit Träumen und Bruchstücken seiner „privaten Mythologie“. Realität ist dagegen die Beschreibung des „Familienlagers“, das es in Auschwitz von Herbst 1943 bis Sommer 1944 gab. Dieses Ghetto mit den besseren Lebensbedingungen mitten im Vernichtungslager sollte das Rote Kreuz täuschen. Doch der angekündigte Besuch der internationalen Delegation kam nicht. Die Kontrolleure waren so zufrieden mit dem, was sie in Theresienstadt gesehen hatten. Dieses Plazet machte die Täuschungskulisse für die Nazis unnötig: Sie liquidierten das „Familienlager“ und vergasten alle Häftlinge in einer Nacht. Der junge Kulka hatte wieder Glück – er war in der Krankenstation. Eine derartige Reflexion hat man zu diesem Thema bisher nicht gelesen: ein außergewöhnlicher Text über das Unfassbare.Berthold Merkle

Hagen Stoll (mit Leo G. Linder): So fühlt sich Leben an. Wilhelm Heyne, München 2013. 317 Seiten, 12,99 Euro.

„Ich mag keine Gewalt“, liest man wiederholt in diesem Lebensbericht eines Jungen aus Berlin-Marzahn. Und doch ist viel von Gewalt die Rede, Prügeleien mit Neonazis oder mit türkisch-arabischen Gangs pflastern seinen Weg. Streckenweise liest sich der Bericht von Hagen Stoll so, als sei sein Leben ein einziger Abenteuerspielplatz. In der Umbruchzeit nach 1989 galten im wilden Osten des Marzahner Sumpfs die Gesetze des Dschungels. Hagen Stoll ist einer, der von der Straße kam und durch verschiedene Gossen taumeln musste, um doch noch sein Glück zu finden. Als die Mauer fällt, ist der Autor sechzehn Jahre alt. Da konnte einer zum Neonazi werden oder kriminell, drogenabhängig. Orientierungslos waren die meisten. Davon ist auch bei Hagen Stoll die Rede. Doch sein Werdegang klingt märchenhaft – und vorbildlich zugleich. Von Berlin-Marzahn bis ins US-amerikanische Musikgeschäft haben ihn seine Willensstärke und sein Durchhaltevermögen gebracht. Er war DDR-Meister im Tischtennis, brachte es zum populären Graffitikünstler entlang der S-Bahnstrecken, schlug sich als Türsteher und Kleinganove durch, landete im Musikgeschäft. Er fabrizierte Texte für Reinhard Mey, produzierte Rapper wie Sido und wurde schließlich Sänger. Als Rapper Joe Rilla mit nicht ganz astreinen Texten wurde Hagen Stoll zum Sprachrohr der Jugend in den Plattenbausiedlungen des Ostens. Er singt nun in der Deutschrockband „Haudegen“ und bringt autobiografische Texte aus seinem rauen Leben zu Gehör. Ja, ein Haudegen ist er geblieben, aber der 38-Jährige scheint bei sich angekommen zu sein. Locker, flockig, ungeniert verfasst ist dieser Lebensbericht, ganz cool und sehr begeistert, menschenfreundlich zugewandt und kreuzehrlich. Ein optimistisches, lebensbejahendes Buch. Stefan Berkholz

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