LESESTOFF : LESESTOFF

Hannes Schwenger

Harald Beer:

Schreien hilft Dir nicht. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2012. 250 Seiten, 24 Euro.

Felix Reid: Die Stasi weiß, was ich nicht weiß. Buchwerkstatt Berlin, Berlin 2011. 168 Seiten, 18,90 Euro.

Im Januar 1950 meldete das „Neue Deutschland“ die Auflösung der sowjetischen Internierungslager in der DDR: Danach waren die Lager, nicht etwa ihre endlich erfolgte Auflösung, „erneut ein Beispiel sowjetischer Humanität“. Man kennt diese zynische Sprache auch von Erich Mielke, der sich als Stasi-Chef in einem Atemzug mit wüsten Terrordrohungen ebenfalls rühmte, „Humanist“ zu sein. Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen, sind Besatzungs-, Justiz- und Stasiwillkür für rechtswidrig erklärt und selbst von der russischen Justiz korrigiert worden. Aber was die Objekte solch menschenfeindlicher „Humanität“ zu erleiden und in der DDR jahrzehntelang zu verschweigen hatten, kommt erst allmählich zutage – als eine Vergangenheit, die nicht vergehen will. Davon zeugen immer neue Opferberichte, die über Geschichtswerkstätten, Schriftenreihen von Opferverbänden und Stasi-Unterlagenbehörden, Selbstverlage und bei spektakulären Fällen auch über Fernsehfilme an die Öffentlichkeit gelangen. Beispiele sind die Berichte eines gleich zweimal unschuldig als vermeintlicher Fluchthelfer und „Menschenhändler“ Verurteilten und eines als Spion und Wirtschaftsverbrechers verschleppten Interzonenhändlers aus Hamburg: Harald Beer, heute 85 Jahre alt, wurde von 1946 bis 1950 im sowjetischen Speziallager und ehemaligen KZ Sachsenhausen interniert, weil er als Jugendlicher einer ihm unbekannten Frau den Weg über die „grüne Grenze“ gezeigt hatte. 1961 kam er das zweite Mal ins Gefängnis, weil er – bereits West-Berliner – der Bitte einer jungen Frau an der Autobahn nachgegeben hatte, sie im Kofferraum versteckt in den Westen mitzunehmen. Seine Verurteilung als „Menschenhändler“ und die Zurückweisung der Berufung durch das Oberste Gericht stieß selbst bei DDR-Juristen auf Kritik, aber seine Freilassung verdankte er 1963 einem Häftlingsaustausch. Noch schlimmer spielte die DDR dem Hamburger Kaufmann Herbert F. Latinsky mit, der als Hersteller und Händler von Treibstoff- und Ölpumpen eine Schlüsselstellung im Interzonenhandel besaß, bis ihn die DDR als angeblichen Saboteur und Spion – in Wahrheit als Sündenbock für Fehler und Mängel der Planwirtschaft – verhaftete und in einem Schauprozess zu lebenslanger Haft verurteilte. Für seine vorgefertigten „Geständnisse“ wurde er durch Drogen und psychischen Druck präpariert, seine Hamburger Firma unter dubiosen Umständen und möglicher Einflussnahme aus der DDR in die Pleite getrieben. Latinsky rückt dabei seinen DDR-Anwalt Vogel ins Zwielicht, dem hingegen Harald Beer in seinem Fall ein gutes Zeugnis ausstellt. Seine Freilassung nach drei Jahren verdankte der 2011 verstorbene Latinsky einer „Begnadigung“ durch Walter Ulbricht, sicher auch stillen Interventionen aus der Bundesrepublik. Leider hat der Herausgeber Felix Reid nur Latinskys Darstellung in ihren Gesprächen wiedergegeben und den Hintergrund des Falles nicht weiter recherchiert. Nach seiner Rückkehr war Latinsky noch einmal mit einem neuen Unternehmen erfolgreich und trotz dessen Abwicklung im Jahr 2000 verstarb er zwei Jahre später in relativem Wohlstand. So konnte er, wie der Herausgeber schreibt, „die meisten der ihm widerfahrenen Ungerechtigkeiten vergeben, jedoch nie ganz vergessen“. Hannes Schwenger

0 Kommentare

Neuester Kommentar