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Hannes Schwenger

Keith R. Allen:

Befragung Überprüfung Kontrolle. Die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen in West-Berlin bis 1961. Ch. Links Verlag, Berlin 2013, 240 Seiten, 24,90 Euro.

Rund drei Millionen Menschen verließen bis zum Mauerbau 1961 die DDR, die meisten über West-Berlin. Bevor sie im Westen Aufnahme fanden, mussten sie ein Notaufnahmeverfahren durchlaufen, in dem sie von deutschen und alliierten Behörden und Geheimdiensten befragt und überprüft wurden. Die Befragungen konnten sich so intensiv gestalten, dass im Extremfall eine Frau während fünf Wochen 68-mal befragt wurde, dabei 22-mal außerhalb des Aufnahmelagers durch alliierte Dienste. Die hatten das mit den deutschen Stellen umstrittene Recht der „Vorbefragung“. In Berlin waren an den Befragungen und Aufnahmeentscheidungen bis 1958 maßgeblich auch zwei private Organisationen beteiligt, die das Vertrauen des Senats, der Alliierten und – trotz Vorbehalten – auch der Bundesregierung besaßen: Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), vom späteren Chef der Arbeitsgemeinschaft 13. August und deren Mauermuseum am Checkpoint Charlie, Rainer Hildebrandt, mitbegründet; und der Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen (UfJ), hinter dem nicht nur die DDR eine Filiale der CIA vermutete. Keith R. Allen, der die Geschichte der Notaufnahmeverfahren bis 1961 recherchiert hat, kann diese Vermutung nach Aktenlage bestätigen, obwohl die Personalakten der Notaufnahmeverfahren noch immer gesperrt sind. Beide Organisationen machten Mitte der 50er Jahre mit spektakulärem Versagen auf sich aufmerksam, die KgU mit Sabotageakten in der DDR und einer Abspaltung, die zur Verhaftung von 250 Informanten in der DDR und mehreren Todesurteilen in Schauprozessen führten, der UfJ mit der Aufdeckung des gefälschten Lebenslaufs und falschen Doktortitels seines Vorsitzenden Theo Friedenau alias Horst Erdmann. Allen weiß zu berichten, dass Erdmann nicht wie behauptet aus dem Widerstand gegen Hitler kam, sondern Nazi und HJ-Führer gewesen war. Er verschwand nach seiner Enttarnung in Westdeutschland. Dass er später als Verleger noch einmal Bonner Subventionen veruntreute und mit Gefängnis bestraft wurde, ist Allen allerdings entgangen. Dabei ist es ein weiterer Beleg für die noch immer undurchsichtige Verflechtung alliierter und deutscher Geheimaktionen im Kalten Krieg. Beide Verbände wurden aus Bonn mitfinanziert, der UfJ 1960 dem Gesamtdeutschen Ministerium unterstellt und 1969 dem Gesamtdeutschen Institut eingegliedert. Mitarbeiter der KgU wurden vom Bundesnachrichtendienst übernommen. Allen kann alles in allem nur einige der roten und braunen Fäden im Labyrinth der von vielfachen Interessen gesteuerten Notaufnahmeverfahren entwirren, die keineswegs nur der Befragung, Kontrolle und Überprüfung der Flüchtlinge dienten, sondern auch der Gewinnung von Agenten, die in die DDR zurückgeschickt wurden, oder der Aufklärung sowjetischer Rüstungstechnologie durch Befragung nach Russland verschleppter, in den 50er Jahren heimgekehrter deutscher Spezialisten. Alles in allem ein vielleicht notwendiges, aber trübes Kapitel des Kalten Kriegs. Hannes Schwenger

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