LESESTOFF : LESESTOFF

von

Florian Pressler:

Die erste Weltwirtschaftskrise. Eine kleine Geschichte der Großen Depression. C. H. Beck Verlag, München 2013. 256 S., 14,95 €.

Keine Krise ist wie die letzte – weder in der Politik noch in der Wirtschaft. Und doch lassen sich Lehren ziehen, die zumindest verhindern helfen, dass sich die letzte Krise wiederholen kann. Was lässt sich also aus der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre für die Bekämpfung der Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrisen der Gegenwart lernen? Florian Pressler gibt sich bescheiden: Eindeutige Lehren und Handlungsanweisungen hält die alte für die neue Krise nach der historischen Analyse des Augsburger Wissenschaftlers zwar nicht bereit. Aber ein besseres Verständnis der 30er Jahre könne heute helfen, Optionen abzuwägen und Konsequenzen vorauszusehen. So wie Franklin D. Roosevelt vor mehr als 80 Jahren nach neuen Wegen gesucht habe, bleibe auch gegenwärtig nur, zu experimentieren und alte Gewissheiten auf den Prüfstein zu stellen. Dabei greift Pressler einen Aspekt auf, der auch für die heutige Krisenbekämpfung zentral ist: Roosevelt habe beim Formulieren der Antwort auf die Probleme seiner Zeit die soziale und moralische Komponente zu keinem Zeitpunkt aus dem Blick verloren. Die Frauen und Männer am Fuße der Wirtschaftspyramide habe er niemals vergessen. Pressler vermutet, dass Roosevelt vielleicht gerade deswegen erfolgreich war. Eine Beobachtung, die nicht nur Pressler gemacht hat: Er selbst sieht es dem ein oder anderen europäischen Regierungschef dämmern, dass eine Stabilisierung der Wirtschaft nur gelingen kann, wenn Lasten gerecht verteilt werden und die Politik einem Auseinanderdriften der Gesellschaft erfolgreich entgegenwirkt. Und nicht zuletzt: Es wird auch nach Presslers Urteil auf die Arbeit, Kaufkraft und das Konsumentenvertrauen der Mittelschicht ankommen, wenn sich Europa und die USA Staaten aus der Krise lösen sollen. Thomas Speckmann

Beatrix Heintze (Hg.): Walter Cramer. Die letzten Wochen. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2013. 239 Seiten, 28 €.

Am 14. November 1944 um 16.30 Uhr notiert Walter Cramer einige Zeilen für seine Familie. „Ehe ich aus dem Leben scheide, sende ich Euch letzten, innigsten Gruß … Bleibt stark“, schreibt er. Der Flüchtigkeitsfehler lässt ahnen, wie es ihm in der Stunde des Todes ging. Kurz darauf wird er im Gefängnis Plötzensee gehenkt. Der Leipziger Textilunternehmer Cramer war ein enger Vertrauter von Carl Friedrich Goerdeler und Teil des Schattenkabinetts Beck/Goerdeler. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli wurde Cramer festgenommen und im Gefängnis schwer misshandelt. Seine Enkelin Beatrix Heintze hat nun die Aufzeichnungen Cramers aus den letzten Wochen seines Lebens herausgegeben. Sie umfassen Notizen aus dem Alltag seines Gefängnislebens („erste Nacht seit 17.8. ungefesselt“), aber auch rührende Brief an seine Familie. Es sind die Notizen eines Mannes, der, wie Klaus von Dohnanyi im Vorwort schreibt, „trotz des Terrors der Nazis versuchte, die täglichen Konflikte zwischen seiner Verantwortung für Familie, Mitarbeiter und Unternehmen einerseits und einer ethisch aufrechten Lebenspraxis andererseits bewusst zu bewältigen. Und zwar als Patriot“.Moritz Schuller

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben