Kultur : Lesezimmer: Bücher zum Knuddeln

In der nächsten Woche: Diedrich Diederichsens

Dass wahrhaft guter Geschmack nur wenigen gegeben ist, gehört zu den unverrückbaren Überzeugungen kulturtragender Persönlichkeiten. Gewiss, es gab Epochen, da glaubte man, das Künstlerische sei in jedem Menschen zu wecken, so richtig geglaubt haben wir das schon damals nicht. Wo Erfolg und Geld walten, da muss es an Qualität und Ästhetik mangeln. Unter dieser nobel-elitären Haltung leiden auch Schriftsteller, die irgendwann - und sei es nur aus Versehen - außerhalb der Nischen des Feuilletons auf sich aufmerksam machen.

Martin Walser zum Beispiel hat dieses Schicksal erfahren: Kaum stellten sich Ende der siebziger Jahre mit "Ein fliehendes Pferd", "Seelenarbeit" oder "Das Schwanenhaus" bei ihm respektable Verkaufszahlen ein, traten ernste Kritiker auf den Plan und warfen ihm, dem Balzac vom Bodensee, Anbiederung an den Massengeschmack vor. Oder Johannes Mario Simmel: Lange galt er als Lieferant groß angelegter Romanschinken, die sich blendend verkauften und von Literaturbetrachtern nur mit der Beißzange angefasst wurden - bis eine Hamburger Wochenzeitung vor rund fünfzehn Jahren den gesellschaftskritischen Simmel entdeckte.

Gute und böse Bestseller - diese Unterscheidung existiert bis heute, und Verlagsstrategen geben sich nicht wenig Mühe, dem Buchhändler und seinen Kunden zu vermitteln, auf welcher Seite man sich gerne angesiedelt sähe. Niemand in dieser Branche möchte als skrupelloser Raffzahn gelten, der sich um des schnöden Mammons willen dem hinterletzten verkaufsträchtigen Autor an den Hals wirft. Und so werden Bücher und ihre Verfasser so lange weichgespült, bis sie als literarisch salonfähig gelten oder zumindest sympathisch. Ingrid Noll, Frank McCourt oder Bernhard Schlink haben es da leicht, während sich Tom Clancy, Bodo Schäfer, Tanja Kinkel oder Rosamunde Pilcher schwerer tun. Letztere scheint erst mit ihrem Spätwerk "Wintersonne" einen Altersbonus zu bekommen, der sie so unangreifbar macht wie Inge Meysel.

Kalt und unbarmherzig, sagen Kulturkassandren, geht es zu in unserer Globalisierungsära, und so bemühen sich alle, die notgedrungen ein paar Mark Umsatz machen müssen, um eine Anmutung des Warmen und Lieblichen. Das gilt überall: Berti Vogts musste als Bundestrainer scheitern, weil er das Image des verbiesterten Arbeitstiers nie abstreifen konnte. Friedrich Merz, Edmund Stoiber und Roland Koch werden es nie zum Kanzlerkandidaten bringen, solange sie den Charme eines Gefrierbeutels im Gesicht tragen. "Politiker zum Anfassen", das wollen alle sein, auch wenn diese Formel das Nähe-Bedürfnis der "Bürgerinnen und Bürger" (Johannes Rau) überschätzen dürfte. Möchten Sie jedweden Politiker anfassen?

"Wir machen Bestseller, die Rendite bringen" - das ist als Botschaft in unseren wärmebedürftigen Tagen zu wenig, und so überrascht es nicht, dass ein Frankfurter Verlag in seiner Frühjahrsvorschau zum Äußersten greift. "Wichtig ist uns dabei vor allem eines: Sie sollen unsere Bücher gut und gerne verkaufen", flötet die Programmleitung den Sortimentern ins Ohr, denn man sei ja ein "Bestsellerverlag zum Wohlfühlen", und dies solle in Zukunft "noch eindeutiger" zum Ausdruck gebracht werden. Das ist - lassen wir die grammatikalisch kühne Steigerung des "Eindeutigen" außer Acht - herzerfrischend gesagt. Der Wohlfühl-Bestseller, das ist die neue Zauberformel, die allen Verlagsschaffenden wertvolle Anregungen für künftige Programme geben dürfte. "Thriller zum Knuddeln", "Krimis zum Liebhaben" und "Frauenromane zum Kuscheln" - die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

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