Kultur : Lesezimmer: Eselsohren

Nächste Woche: Kurt Scheel sieht fern

Man kann nicht nur Freunde haben. Jene friedens- und ökologiebewegte Epoche, da wir ernsthaft glaubten, uns mit jedermann gut stellen und selbst den ekligsten Nachbarn nett finden zu müssen, liegt zum Glück hinter uns. Lang, lang ist es her, als wir auf der Schwäbischen Alb mit schwitzigen Händen Menschenketten bildeten, "We shall overcome" sangen, herzhaft in einen Dinkelkeks bissen und anschließend in den Bonner Hofgarten fuhren, um Petra Kelly und Alfred Mechtersheimer zu lauschen. Wenig später wurde Helmut Kohl Kanzler, und wir sahen ein, dass ein erfülltes Leben auch auf sinnvoller Gegnerschaft beruhen kann. Freund und Feind gilt es zu scheiden, und jeder hat seine Wege zu finden, um im Dickicht unseres verwirrenden Alltags Mitmenschen an ihren Taten und Haltungen zu messen.

Manche urteilen nach Wahlverhalten (eine Methode, die immer weniger aussagekräftig ist), nach Essgewohnheiten (Haxe oder Sushi), nach Wohnungseinrichtungen oder nach dem Automobil vor der Haustür. Mit Opel-Fahrern verkehre ich zum Beispiel nicht, seitdem Onkel Hermann aus Speldorf tot ist. Irgendwelche Kriterien braucht jeder, oder? Ich selber wähle meine Bekannten vor allem nach ihren Lektüregewohnheiten aus. Nein, nein, nicht unbedingt nach dem, was sie zu lesen pflegen, sondern wie sie es tun. Nabokov-Liebhaber sind nicht automatisch tolle Typen, und bisweilen ist es sogar möglich, mit Tina-Grube-Leserinnen ("Männer sind wie Schokolade") kurzweilige Abende zu verbringen. Auf Inhalte achte ich ohnehin kaum, womit ich mich, nebenbei bemerkt, auf der Höhe der Zeit befinde.

Ich taxiere Menschen danach, wie sie ein Buch in die Hand nehmen, wie sie darin blättern, wie sie es beiseite legen, kurzum, mit welcher charakterlichen Grundeinstellung sie dem Objekt entgegentreten und wie sie es hegen und pflegen. Hier scheiden sich die Geister rasch, hier fällt es mir leicht, in Sekundenschnelle Sympathien und Antipathien zu entwickeln. Um es geradeheraus zu sagen: Ich lehne es rundum ab, Bücher wie Frauenmagazine zu behandeln, sie beim Lesen umzuklappen und so das Gelenk unnötig zu strapazieren. Ich finde es abstoßend, wenn Menschen den Schutzumschlag als Lesezeichen verwenden. Unweigerlich weitet sich dieser, reißt ein, wird lappig und verhöhnt jene Werktätigen, die alle Sorgfalt darauf verwenden, einen eng anliegenden, gleichsam körpernahen Schutzumschlag zu produzieren. Ich mag es ferner nicht, wenn ein Taschenbuch beim Lesen weit aufgeschlagen wird, so dass der Öffnungswinkel mehr als 40 Grad beträgt und sich der Buchdeckel nach getätigter Lektüre hässlich aufbiegt. Überdies ist mir die Nähe von Lesern unangenehm, die ihren Härtling aufgeschlagen und mit dem Rücken nach oben liegen lassen. Oder das Werk mit Eselsohren markieren. Oder die Buchseiten mit Kaffee- und Erdnussbutterflecken beschmutzen. Manchmal, gewiss, komme auch ich nicht umhin, ein Buch unkorrekt zu behandeln, etwa wenn ich in Urlaub fahre, wo sich meine Neigung zum Peniblen nicht immer aufrechterhalten lässt. Mein Exemplar von Canettis "Blendung", gelesen an kretischem Strand, weist starke Abnutzungserscheinungen auf; zwischen den Seiten kleben Sandkörner, die mich an meine Jugend erinnern. Wie sich unschwer erkennen lässt, betrachte ich das Buch als Kulturgut, selbst wenn es in meiner Küche liegt und lediglich dazu beiträgt, einem italienischen Schmorbraten auf die Sprünge zu helfen. Ich bin folglich erschüttert, Menschen zu beobachten, die meist unwesentlichen Gedanken sofort festhalten und herrlich reine, fein bedruckte Buchseiten mit Kugelschreiberanstreichungen oder, noch schlimmer, mit fluoreszierenden Markern versehen.

Ein befreundeter Germanist, Österreicher seines Zeichens, hat die Eigenart, Vorsatzblätter und Schmutztitel mit interpretatorischen Hinweisen zu versehen - schön ist das nicht; unser Kontakt beschränkt sich auf das Nötigste. Ein zarter Bleistiftstrich, der in sich die Möglichkeit trägt, wieder getilgt zu werden - das mag angehen, das verträgt auch ein Eduard-von-Keyserling-Roman, mehr bitte nicht. Es ist schwer, mit dieser Einstellung durchs Leben zu kommen. Neulich, am Flughafen, holte mich die Realität endgültig ein: Neben mir saß eine nicht sofort verhaltensauffällig wirkende junge Frau, die ein Taschenbuch - war es Helen Fielding oder Petra Durst-Benning? - las. Jede Seite, die sie hinter sich gebracht hatte, entfernte sie sofort. Blatt für Blatt riss sie heraus, warf sie weg und erleichterte so ihr Handgepäck. Ich wechselte umgehend den Sitzplatz.

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