Kultur : Lesezimmer: Fiktion ist sinnlos

Nächsten Montag an dieser Stelle: das Musikzi

Mindestens zweimal im Jahr führt mich eine Reise nach New York, um mit den dort ansässigen Verlagen und Agenturen über neue Autoren und die "hot list" frisch eingegangener Manuskripte zu reden. Im Einstunden-Rhythmus hakt man Termin nach Termin ab und hetzt mit dem Taxi oder der Subway quer durch Manhattan, von Adressen in Greenwich Villaye im Süden bis hin zum Central Park.

Diesmal war nichts wie sonst. Mein erster Termin am vergangenen Dienstag sollte in einer der großen Agenturen in der 57. Straße stattfinden. Mich empfing die entsetzte Leiterin der Lizenzabteilung, die mich kurz über die Ereignisse informierte. Eine knappe Stunde war vergangen, seitdem die beiden entführten Flugzeuge in die Doppeltürme des World Trade Centers einschlugen. Nichts davon hatte man hier oben, gut sechs Kilometer entfernt, mitbekommen. Erst die Fernsehbilder klärten mich darüber auf, was sich gerade am anderen Ende von Manhattan zutrug.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
Umfrage: Haben Sie Angst vor den Folgen des Attentats?
Fotostrecke I: Der Anschlag auf das WTC und das Pentagon
Fotostrecke II: Reaktionen auf die Attentate
Fotostrecke III: Rettungsarbeiten in New York
Fotostrecke IV: Trauerkundgebung am Brandenburger Tor
Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Ich sah vermittelte Bilder eine Katastrophe - so wie man sie mehrfach im Jahr frei Haus geliefert bekommt, wenn Flutwellen, Erdbeben oder Vulkanausbrüche die Menschen bedrohen. Doch jetzt spielte sich das Entsetzen am Ende jener Straße ab, an der man zufällig wohnte. Ich stand auf der Sixth Avenue, sah nur Rauch- und Staubschwaden am Horizont und wusste doch, welches Inferno sich dahinter verbarg.

Und man sah, was geschehen war, in den Gesichtern der Menschen, die zu Fuß aus Lower Manhattan flohen. Keine Angst- und Entsetzensschreie wie unmittelbar am Ort des Angriffs, stummes Unverständnis vielmehr, Paare, die sich minutenlang umarmen, Blicke, die sich ruckartig nach oben richten, als Flugzeuglärm zwischen den Wolkenkratzern zu hören ist. Die Erschütterung der Amerikaner manifestiert sich in solchen Details; die Fassungslosigkeit darüber, dass es keine Sicherheit im eigenen Land gibt, lässt sich vom Aufruf des Bürgermeisters, rasch zum "normalen Leben" zurückzukehren, nicht kaschieren.

Der Alltag geht, von außen betrachtet, ohnehin ungerührt weiter. Ein Agent erzählt, dass seine Kollegin just am Morgen des Angriffs ein putzmunteres Kind zur Welt gebracht habe, und eine andere Agentin, die "gestrandete" und schockierte Europäer wie mich nach Hause eingeladen hat, berichtet von ihren stockenden Versuchen, ihrer neunjährigen Tochter das Geschehene zu erklären. Einer der ersten Interviewpartner des New Yorker Fernsehens an jenem 11. September war der Romanautor Tom Clancy, bekannt für seine kriegerischen Szenarien. Er und viele anderen hatten in den letzten Jahren viel Energie darauf verwandt, in Romanen, Filmen oder Internet-Simulationen terroristische Aktionen darzustellen und ihre Kundschaft in Hochspannung zu halten. Dass Fiktion und Realität oft wenig miteinander zu tun haben, ja kategoriell auf anderes abzielen, das zeigen die Tage von New York. Nicht weil sich kein Romancier getraut hätte, den Ablauf dieses Dienstags zu erfinden, sondern weil keine ästhetische Kraft ausreicht, das zu vergegenwärtigen, was die realen Bilder zeigen. Nichts erschien mir sinnloser in diesen New Yorker Tagen, als über Fiktionen zu sprechen - und schon gar nicht über neue Thriller, die ihre Vorgänger an Martialität zu übertreffen suchen. Und diese Abneigung wird anhalten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar