Kultur : Lesezimmer: Götterfunken

Nächstes Mal: Kurt Scheels Fernsehzimmer.

Über Literaturverfilmungen kann man - wie über fast alles im Leben - geteilter Meinung sein. Auf jeden Fall ist eine gewisse Vorsicht geboten, wenn es darum geht, sich über die Qualitäten solcher Versuche zu äußern. Zu zwei Alternativen, die ihm gleichzeitig helfen, sein intellektuelles Image zu prägen, kann der Befragte Zuflucht nehmen. Zum ersten: Sie sind immer auf der richtigen Seite, wenn Sie den Sinn von Verfilmungen literarischer Werke in Frage stellen. Gehört es nicht zu den unüberbietbaren Vorzügen von Erzählungen, der Vorstellungskraft des Menschen freien Lauf zu lassen? Ist es nicht per se ein Frevel, den imaginären Bilderreichtum einzuschränken, den Figuren Gesichter zu geben, den Landschaften des Lektüretraums mit all zu konkreten Ansichten der Schwäbischen Alb oder des Hunsrücks zu banalisieren? Fein heraus ist also, wer - vielleicht unter Hinweis auf Krakauer oder Benjamin - auf die kategorielle Problematik verweist, den Nabokovs "Lolita" oder Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu verfilmen.

Zum zweiten lässt sich noch raffinierter mit dieser Frage umgehen. Einen gedankenreichen, handlungsarmen Experimentalroman auf die Leinwand zu bringen, ist gewiss ein Ding der Unmöglichkeit. Doch vor dem Hintergrund einiger Semester medienwissenschaftlicher Studien ist es in intellektueller Runde gestattet, auf die ganz andere Ästhetik des filmischen Schaffens hinzuweisen. Gebiert der Film nicht ein Kunstwerk substanziell anderer Art? Zeugt es nicht von stümperhaft realistischer Anschauung, das Kopfkino des Lesens im Kino widergespiegelt sehen zu wollen? Die Literaturverfilmung, so lässt sich dann mit Kennermiene sagen, durchbreche die ästhetischen Erwartungen und erschaffe ein Artefakt, das gerade durch Opposition zur Vorlage Bedeutung erlange. So darf man, wenn unbedingt erforderlich, über Schlöndorffs "Homo Faber" oder Geißendörfers "Zauberberg" reden.

Manche Filme stehen ohnehin jenseits der Nörgelei. Luchino Viscontis "Tod in Venedig" hat Generationen von melancholischen Kanal-Flaneuren lebenslänglich begleitet, und Wiederaufführungen lassen akademische Oberräte und Studiosus-Reisende immer wieder in die von Immobilienmaklern bedrohten Lichtspielhäuser strömen. Mitunter darf man auch darüber debattieren, welchem Regisseur es besser gelungen sei, den Charakter eines Romans zu treffen (oder zu konterkarieren). "Effi Briest" zum Beispiel - wer will sich ein für allemal festlegen, ob Wolfgang Luderers DDR-Verfilmung aus dem Jahr 1970 oder Rainer Werner Fassbinders wenig später entstandener Adaption der Vorzug zu geben sei? Hier kämpften nicht zuletzt auch zwei hoch angesehene Schauspielerinnen um die Gunst des Betrachters, Hanna Schygulla im westlichen, Angelica Domröse im östlichen Lager.

Ach ja, die Domröse. Würde ich gern einmal wiedererleben ... obwohl - neulich sah ich sie ja, nicht im Kino, sondern im Leipziger Congress Centrum, als sie, wie Nena, Heiner Geißler, Mutter Beimer oder Jan Hofer, vermutlich mit Geld gezwungen worden war, den Deutschen Bücherpreis an Günter de Bruyn zu verleihen. Über diesen erbarmenswürdigen Abend, der in mir den Wunsch weckte, mich einem anderen Berufsfeld (Staubsauger verkaufen; Abenteuerreisen in der Steiermark organisieren u. ä.) zuzuwenden, ist fast alles gesagt worden. Buchfunktionäre, die beim Wort "TV-Gala" feuchte Hände bekommen, opferten Autoren einem - vom Mitteldeutschen Rundfunk unnachahmlich aufgefüllten - Szenario, das Literatur als leicht verdauliche Häppchen für Hansi-Hinterseer-Groupies servierte. Eine Preisverleihung als ungewollt komischen Hollywood-Abklatsch zu inszenieren, damit hat die Branchenselbstdarstellung einer Tiefpunkt erreicht - trotz Angelica Domröse, die in bemitleidenswerter Duldsamkeit ihr Amt als Laudatorin verrichtete.

Zum Schluss, im so genannten Finale, musste Nana Mouskouri nach vorne, der "Songbird of the Acropolis" (Dame Edna). Jahre ihres Lebens hat diese großartige Sängerin an sehr schlichtes Liedgut vergeudet, was sie dafür prädestinierte, den Abend mit Schillers "An die Freude" zu krönen. Mit Inbrunst und Hornbrille sang Frau Mouskouri von der "Freude, schöner Götterfunken", und weil Fernsehverantwortliche der menschlichen Einbildungskraft misstrauen, kulminierte die Bücherpreis-Verleihung mit einem Wunderkerzenfeuerwerk, das, abgeschossen aus unschöner Dekoration, auf die Bühne und die ebenfalls duldsame Frau Mouskouri niederging. Seitdem weiß ich, wie Götterfunken aussehen. Vielleicht ließe sich Schillers Ode auch verfilmen.

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