Kultur : Lesezimmer: Melissengeistschorle

Nächste Woche: Diedrich Diederichsen im Musik

Dass unser Leben ein riskantes ist, gehört zu den Binsenweisheiten des Daseins. Der Mensch ist schwach, und weil dem so ist, läuft er Gefahr, Verlockungen und Verführungen haltlos zu erliegen. Alkohol, Rauschgift, Nikotin, Sex, Roulette, Chatten ... überall lauern Süchte, und die Wege ihrer Abhilfe sind steinig. Viel zu wenig wird in diesem Netzwerk der Lüste die Lesesucht beachtet, jener geheimnisvolle Trieb, der Menschen dazu nötigt, überall und ständig nach neuem Lektürestoff zu fahnden und sich diesen ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen einzuverleiben.

Lesesüchtige wirken auf den ersten Blick nicht verhaltensauffällig. Zeitgenossen, die im Zugabteil begierig Bücher wälzen oder am Flughafen jedwede Zeitung verschlingen, erregen in der Regel kein öffentliches Ärgernis. Ihr Getriebensein wird erst offenbar, wenn man ihr Alltagsverhalten genauer unter die Lupe nimmt. Nehmen Sie mich zum Beispiel: Wo es etwas zu lesen gibt, muss ich es lesen. Ich meide Orte, die meinen, ohne Schriftzeichen auskommen zu können, und bin so durch jahrelanges Training geschult, auch aus dem unscheinbarsten Gebrauchstext Gewinn zu ziehen.

Nehmen Sie die Toilette zum Beispiel: Viele Menschen nutzen diese verschwiegene Örtlichkeit, die oftmals das letzte Refugium der Selbstfindung darstellt, um in aller Ruhe zu lesen: die neue "Gala" zum Beispiel oder jene großzügig gesetzten Erzählungen junger Autoren, die dank ihrer Häppchenstruktur prädestiniert dafür sind, in gekacheltem Ambiente rezipiert zu werden. Oder die ADAC-"Motorwelt", die vor allem mit ihrem kleinteiligen Anzeigenteil das Leben bereichert: Nirgendwo sonst gelänge es, vergleichbar vielfältige Informationen über Treppenlifte, Spranzbänder, Kuraufenthalte im Allgäu oder Elektrofahrzeuge zu erlangen.

Der wahrhaft Lesesüchtige freilich beschränkt sich in seiner Leidenschaft nicht auf die herkömmlichen Erzeugnisse der Druckindustrie. Er liest alles, erforscht seine Umgebung so lange, bis er fündig wird. Bleiben wir in der Toilette: Ich versuche einerseits bewusst, diesen Ort mit vielerlei Gedrucktem zu bestücken, also auch mit dem Gottfried-Keller-"Raben" aus dem Hause Haffmans, der mich in idealer Textlänge über Kellers zu kurz geratene Beine informiert. Oder mit dem nützlichen Katalog "Ballspiele" des Berliner Antiquariats Drummer, der entlegenste Fußballsammelbilder und Eintrittskarten feilbietet. Daneben ist meine Toilette freilich auch eine normal ausgestattete Toilette. Das heißt, sie verfügt über eine Palette handelsüblicher Reinigungsmittel und Drogerieartikel, deren Etiketten ein Freudenquell für den Lesebesessenen sind. Ich lese auch hier alles, was sich die Marketingabteilungen von Henkel oder Procter & Gamble haben einfallen lassen, um mich in ihren Bann zu ziehen. Und ich lerne unablässig dazu: Einem Parkettbodenpflegemittel verdanke ich das Wort "Wiederanschmutzung"; die Firma Odol machte mich mit ihrer Zahncreme "40 plus" (wer wollte mich damit eigentlich provozieren?) vertraut, die für die "spezielle Pflege für reifere Zähne" geeignet sei, und dass es eine Heilerde-Gesellschaft gibt, weiß ich erst, seitdem ich die Packung Luvos Heilerde studiert habe, die sich rätselhafterweise in unseren Haushalt verirrt hat.

Die Lektüre auch des Nebensächlichen bildet. Nutella enthält nur 13 % Haselnüsse, wohingegen der "Doppelherz-Melissengeist", den ich häufig nach dem Studium unverlangt eingesandter Manuskripte zu mir nehme, stattliche 71 % Alkohol beinhaltet, folglich nur stark verdünnt, als Schorle gewissermaßen, getrunken werden sollte. Auch die konsequente Umsetzung der neuen Rechtschreibung lässt sich an Hygieneprodukten vorzüglich überprüfen. Der "Into fresh Sanitärreiniger" etwa weckt mit seinem Versprechen von "frischem, lang anhaltendem Duft" die Erwartung, dass sich der Hersteller die DUDEN-Vorgaben zu Herzen nimmt; bereits die Detailinformation auf der Flaschenrückseite zerstört diesen Glauben mit dem Hinweis, dass das Mittel nichts Unangenehmes "hinterläßt", womit eine der elementaren Regeln der neuen Schreibung missachtet wird.

Wer von der Lesesucht befallen ist, scheint kaum therapiefähig. Sein Adlerauge findet zwangsläufig, womit die Krankheit zu nähren ist: auf Autoaufklebern, in U-Bahn-Stationen oder im Küchenschrank, wo das Honigglas erzählt, das sein Inhalt aus der "Bergwildnis Griechenlands" stamme. Ehrlich gesagt, freue ich mich schon - um noch einmal ins WC zurückzukehren -, wenn das Toilettenpapier bedruckt ist, und sei es nur mit einem lapidaren "Rossmann"- oder "Drospa"-Schriftzug.

Erholung bietet allein die Nacht. Ein letzter Blick in die aktuelle Bettlektüre - Gerd Achenbachs "Das kleine Buch der inneren Ruhe" -, ein allerletzter Blick auf die Beschriftung des Radioweckers ... und dann ein paar Stunden Suchtbefreiung, bis der Tag erwacht und ich unbedingt wissen muss, welcher Text die Filtertütenpackung ziert.

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