Kultur : Lesezimmer: Schnee, der auf Safran fällt

Rainer Moritz lesen Sie wieder am 7. Oktober. Am n

Früher, sagen nostalgisch gestimmte Menschen, wurden Bücher ihrer Inhalte wegen gekauft, gute Bücher eben. Eine - wie man leider sagen muss - heute oft als irrig und altmodisch abgetane Ansicht. Denn zum einen gibt es gar keinen Inhalt mehr, sondern nur noch "contents" (und Autoren und Verlagen "providen" ihn), und zum anderen bestimmt die Sentenz "Kleider machen Leute" (übrigens auch eine ganz altmodische und schöne Gottfried-Keller-Novelle ...) das Büchermachen heute mehr denn je.

Ein Roman braucht ein fetziges Cover, das ihn abhebt vom Einheitsbrei der einfallslosen Konkurrenz, und er braucht einen Titel, der einprägsam, zündend, poetisch, originell, sympathisch, kurzum: genial ist. Zum "content" sollte er möglicherweise auch passen, doch das lässt sich fürs Erste erst einmal vernachlässigen.

Auch Buchtitel unterliegen Moden. Das gilt selbst für wissenschaftliche Arbeiten, die nur bei hartgesottenen Autoren noch "Versuch einer textsemiotisch-psychoanalytischen Erklärung der Seerosenmetaphorik in Detlef von Liliencrons nachgelassener Lyrik" heißen, und erst recht natürlich gilt das für Romane, die Hunderttausende von Lesern erreichen wollen. Kaum einer hätte sich in den siebziger Jahren getraut, einen potenziellen Bestseller "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" oder "Schnee, der auf Zedern fällt" zu nennen, wohingegen die einst so populären simmelisierenden Klänge wie "Mit den Clowns kamen die Tränen" heute im Rückzug begriffen sind.

Wer als Lektor oder Marketingleiter ein Händchen für gute Titel hat, erfreut sich großer Beliebtheit, und die Münchner Akademie des Deutschen Buchhandels bietet mittlerweile sogar Seminare zur "Titelfindung" an. Patentrezepte gibt es nicht, doch irgendwie und irgendwann muss sich in den letzten Jahren ein geheimes Netz über deutsche Verlagshäuser gelegt haben. Dieser Zeitgeist erkannte messerscharf, dass Männer ohnehin kaum Bücher lesen (es sei denn solche, die todsichere Finanz- oder Erektionstipps geben, Computer erklären, das Handwerken zur hellen Freude machen oder kräftig Horror und Sex offerieren) und dass die vielen, vielen Frauen, die vom Lesen gar nicht genug bekommen können, am liebsten Romane über Geschlechtsgenossinnen lesen. Wer schuld an dieser Entwicklung hat, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich Amanda W. Cross, die mit ihrem Historienschmöker "Die Päpstin" eine Lawine lostrat und manchen Verleger, der gerade nachdenklich die Sellerlisten betrachtete, auf den nicht allzu fernen Gedanken brachte, bewährten Pfaden zu folgen.

Nur: Nicht jeder von Frauen ausgeübte Beruf eignet sich gleichermaßen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Mit "Die Steuerfachfrau" oder "Die Anwaltsgehilfin" wäre wenig Staat zu machen. Was verlangt wird, sind Tätigkeitsfelder mit exotischer Anmutung, auf dass sich die lesende Steuerfachfrau und Anwaltsgehilfin zumindest in ihrer Fantasie von ihrem tristen Alltag entferne und Anteil habe an wirklich aufregenden Frauenbiografien. Und so kam sie unweigerlich, die Welle der staunenswerten Romane, die schwer vermittelbare Frauen zu Titelheldinnen machen: "Die Safranhändlerin" zum Beispiel, "Die Vogelkundlerin", "Die Schamanin", "Die Wachsbildnerin", "Die Schattenfrau" oder "Die Glasbläserin".

Ein Ende ist nicht in Sicht: Robert Schneider wusste nach "Schlafes Bruder" plötzlich von einer "Luftgängerin" zu berichten, und Helga Hegewisch kümmerte sich nicht um Abschreckungsgefahren und nannte ihren letzten Roman unerschrocken "Die Totenwäscherin". (Wem schenkt man eigentlich so ein Buch, frage ich mich zwangsläufig? Darf, kann man seiner kränkelnden Mutter einen Roman über eine Totenwäscherin mitbringen, ohne Gefahr zu laufen, sofort enterbt zu werden?). Auch der Bücherherbst 2000 bleibt dem Trend treu. Erfolgsautorin Charlotte Link macht uns mit der "Rosenzüchterin" bekannt, und selbst auf dem Felde der hoch ambitionierten Literatur brechen die ersten Dämme: Hanser-Verleger Michael Krüger präsentierte seinen neuen Roman unter dem lockenden Titel "Die Cellospielerin".

Das wird noch eine Weile so weitergehen, keine Frage. Ganze Lektoratsteams werden ins Trainingslager geschickt, um in alten Wörterbüchern und Enzyklopädien Ausschau zu halten nach ausgestorbenen Berufen. Oder einfach nur nach welchen, die rätselhaft, die weich und fraulich klingen. Zu wenige Silben dürfen sie nicht haben, also nicht "Die Käserin" oder "Die Melkerin". Ich freue mich schon jetzt aufs kommende Frühjahr, wenn die Früchte lektorieller und verlegerischer Kreativität sichtbar werden. Ich freue mich auf Romane, die vielleicht "Die Kakteenheilerin", die "Maultrommlerin" oder schlicht "Die Titelfinderin" heißen werden.

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