Kultur : Lesezimmer: Schwitzen und fasten

In der nächsten Woche: Diedrich Diederichsens

Wer die ganze Woche über mit Büchern und Manuskripten zu tun hat und überdies mit jenen Menschen, die dafür verantwortlich zeichnen, sehnt sich an seinen freien Tagen nach Entspannung, Entschlackung und Entkalkung. Immer nur mit Geschriebenem und Gedrucktem umzugehen, das ist auf Dauer nicht gesundheitsfördernd, und so zieht es meine Gattin und mich am Sonntagmorgen öfters in eine Sauna, zwei Häuserreihen weiter, die durch hanseatische Noblesse und gediegene Atmosphäre besticht.

Nach dem ersten Schwitzdurchgang und dem unerschrockenen Sprung ins eiskalte Tauchbecken führt mich der Weg schnurstracks in den Ruheraum, wo hölzerne Liegen und herrliche Erholungsaussichten auf einen warten. Da döse ich vor mich hin, denke kaum noch an die Erniedrigungen des Alltags, weder an Rezensionen und Agentengespräche, noch an Marketingetats oder Papierengpässe. Nein, davon will ich nichts wissen ... bis sich mein erhitzt-erschöpfter Blick, der ziellos im Raum umherschweift, meine Mitruhenden interessiert ins Visier nimmt.

Mit Befriedigung registriere ich, dass viele dieser Menschen Sinnvolles tun: Sie lesen - Zeitschriften vor allem, aber auch richtige Bücher, die mir sofort Anlass geben, den Geistes- und Seelenzustand des deutschen Saunagängers zu bedenken. So richte ich mich leicht auf und versuche - unauffällig, versteht sich - zu entziffern, was hierzulande als geeigneter Sonntagsaunalesestoff angesehen wird. Neulich stellte sich dabei merkliche Erschütterung ein, denn was jenes mir gegenüber ausgestreckte Paar las, erfüllte auf ungeheure Weise alle denkbaren Vorurteile. Keinem Gender-studies-Symposium über geschlechterspezifische Lesesozialisationen hätte ich meine Beobachtung zugemutet, und keinem Autor würde ich normalerweise in seinem Romanmanuskript derart klischierte Figurenbeschreibungen durchgehen lassen. Doch da dies hier ja eine wahre Geschichte ist, wage ich es, sie zu erzählen: Er, Mitte dreißig, studierte hoch konzentriert das Fachbuch "Die Eigentumswohnung", wohingegen sie, ein paar Jahre jünger, sich mit warmem Gesichtsausdruck zuerst in ein "Lebenskunst" betiteltes Heft vertiefte und dann mit besorgterer Miene nach dem Ratgeber "Das Wunder des Fastens" griff. So lagen die beiden nebeneinander, mehr oder minder in sich ruhend und auf unterschiedliche Art durch die Segnungen der Druckindustrie bereichert. Ich selbst begann, leicht irritiert, über die Lesepräferenzen von Mann und Frau zu grübeln, herausgerissen aus meinem Zustand der herrlichen Weltvergessenheit. Einmal gestört, nahm auch ich ein Buch zur Hand (eines habe ich aus Sicherheitsgründen immer dabei!): Christine Gräns glänzenden Roman "Hurenkind".

Kaum hatte ich begonnen, in diesem schwarzgold ausgestatteten Werk zu lesen, merkte ich, wie ein anderer Mann mich bzw. mein Buch offenen Mundes anstarrte, da er hinter dessen Titel offensichtlich anstößige Literatur vermutete, die ihn merklich stärker fesselte als seine eigene Lektüre - er las, glaube ich, "Focus". Auf dem Heimweg, ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber, berichtete mir meine Gattin, dass dieser am "Hurenkind" interessierte Mann sie ohnehin die ganze Zeit ungebührlich fixiert habe, kaum dass ich mich aus seinem Blickfeld entfernt hätte. Vorbei war es mit meiner inneren Ruhe. Sollte ich den Voyeur kurz über Christine Gräns Roman aufklären, ihn womöglich von einem Fehlkauf abhalten? Andererseits ... leben nicht die meisten Verlage davon, dass Menschen Bücher kaufen, wie Helmut Kohls "Tagebuch" etwa, die Erwartungen wecken und nicht erfüllen? Kurzum, kein Gedanke mehr an Entspannung ... Zudem erblickte ich alsbald am anderen Ende der Ruhestätte eine Kulturredakteurin, der ich sonst nur in der Lebensmittelabteilung des nahe gelegenen Kaufhauses begegne und die, wie mir plötzlich einfiel, auch schon seit längerem keine freundliche Besprechung unserer Bücher mehr geschrieben hatte. Wir nickten, lächelten uns kurz zu, wie Menschen, die an nichts weniger denken, als einander ausgerechnet in der Sauna zu begegnen. Ich hatte mich für dieses Wochenende genug erholt, schnürte meinen Bademantel und sah noch beim Hinausgehen, wie jener an Eigentumswohnungen interessierte Mittdreißiger ein Diogenes-Taschenbuch zückte, Bernhard Schlinks Krimi "Selbs Betrug". Ja, Diogenes, so wie die müsste man es machen, ein Buch ausschauen lassen wie das andere und so eine "Marke" kreieren. Aber hat man dafür nicht auch bei Diogenes Jahrzehnte gebraucht?, dachte ich resigniert und verließ die Sauna in merkwürdig unaufgeräumter Stimmung.

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