Kultur : Lesezimmer: Sehr geehrte Frau Berben!

Rainer Moritz leitet den Verlag Hoffmann & Cam

Keine Sorge, es soll hier nicht von den üblen Anwürfen die Rede sein, die Ihre Kollegin Maren Kroymann unlängst über Sie verbreitet hat! Nichts davon, werte Frau Berben, dass Ihre natürliche Brillanz womöglich unnatürlicher Herkunft sein könnte und Sie, so eine Sonntagszeitung, "Schönheitslügen" verbreiteten. Nein, um solche hässlichen Dinge geht es hier nicht. Was uns stattdessen belastet, ist die mittlerweile enervierende Zurschaustellung Ihrer wie auch immer entstandenen Jugendlichkeit.

Natürlich habe ich mich längst daran gewöhnt, dass Frauen jenseits der Fünfzig heute nicht mehr aussehen wie in den Zeiten, da Erhard und Kiesinger Kanzler waren. Alle wollen heute wie Catherine Deneuve, Senta Berger oder eben Iris Berben sein. Frische und Attraktivität sei, so das Dogma, bis ins Rentenalter konservierbar, und wehe den armen Geschlechtsgenossinnen, die da nicht mithalten können und deren Geldbeutel es nicht zulässt, permanent Ayurveda-Kuren in Traben-Trarbach zu machen.

Sie, Frau Berben, sind inzwischen zur Galionsfigur dieser Bewegung geworden. 97 oder 98 Prozent aller deutschen Männer würden intimen Kontakt mit Ihnen befürworten, und keine Woche verstreicht, ohne dass nicht ein Hochglanzmagazin Ihren in edle Stoffe gehüllten Körper ablichtet, wie er sich traumwandlerisch sicher auf einer hoch wichtigen Benefizgala bewegt. Ihrer Leitbildrolle versuchen Sie nun auch dadurch gerecht werden, dass Sie großzügigerweise Ihre Schönheitspatentrezepte preisgeben und diese in einem Buch festgehalten haben. Selbiges trägt den - ziemlich gelungenen - Titel "Älter werde ich später" und verrät allen neugierigen Drogeriefachverkäuferinnen das "Geheimnis, schön und sinnlich, fit und entspannt zu sein".

Ich habe, liebe Frau Berben, dieses Buch gelesen und viel dabei gelernt. Während ich früher dachte, Schauspieler seien den lieben langen Tag damit beschäftigt, ihre Rollen zu lernen und sich Gedanken über feinfühlige Figurenannäherung zu machen, weiß ich nun, welchem Irrtum ich aufsaß. Schauspieler haben, zumindest wenn sie Iris Berben heißen, ganz andere Dinge zu tun: Sie schlafen acht bis neun Stunden, schreiben Briefe noch "mit der Hand", gehen ohne Sonnenbrille "niemals aus dem Haus", heilfasten einmal im Jahr und trinken dabei selbstverfertigte Brühen, die strengsten Auswahlkriterien unterliegen: "Bei mir dürfen es nur Gemüse sein, die in der Erde wachsen." Darüber hinaus sind sie, die Schauspieler, damit beschäftigt, teure Garderoben zu erwerben, Strumpfhosen überzuziehen, die "den Po betonen", Elfriede Jelinek, Shakespeare und Pasolini zu lesen und stets unbekleidet auf "harten Matratzen" zu schlafen, da ein "Nachthemd" sie "einengen" würde. Trotz dieses Pensums vergessen Sie, strapazierte Iris Berben, nie, sich Gesichtsmasken aufzulegen, die aus "pürierter Salatgurke" und "steif geschlagener Sahne" bestehen, und permanent Mineralwasser zu sich zu nehmen (das empfiehlt meine Frau mir übrigens auch immer ...).

Je länger ich über Ihren Tagesablauf nachdachte, desto stärker geriet mein Weltbild durcheinander. Immerhin, so ist überall zu lesen, gelten Sie als erfolgreiche Schauspielerin, die seit 1969 in vielen Filmen ... in vielen Filmen? ... ja, was für Filme, geehrte Frau Berben, waren das eigentlich? Es mag an meiner schwach ausgeprägten cineastischen Kennerschaft liegen, doch mir wollen partout keine bedeutenden Streifen einfallen, in denen Sie Ihre ausgeprägte Darstellerkunst zeigen durften. Die Pointenhuberei in "Sketchup" und das Serieneinerlei in "Das Erbe der Guldenburgs" zählen wir nicht mit, oder? Und die Ermittlerin Rosa Roth gehört, wenn ich an Ihre Kolleginnen Hannelore Elsner, Jutta Hoffmann und Hannelore Hoger denke, eher zur zweiten Garnitur, ganz abgesehen von Filmchen, die "Rallye Paris - Dakar", "Tapetenwechsel" oder "Der Froschkönig" hießen. Der Hinweis, dass Sie in Ihren Anfängen selbstverständlich zur protestierenden Studentengeneration gehörten, bringt hier nicht weiter. Ja, wenn ich es mir recht überlege, dann scheint es, als sei Ihre markanteste Rolle die der Almut Gützkow gewesen, jener Mutter jener Familie, die in Peter Timms gleichnamigem Film freundlicherweise das Rennschwein Rudi Rüssel als Haustier aufnahm. Das hat mir gefallen damals, ist aber als filmische Bilanz vielleicht ein wenig unbefriedigend.

Das alles, sehr geehrte Frau Berben, ist ein Missverhältnis. Da verwöhnen und hegen Sie unentwegt Ihren Astralleib, da schreiben Sie jetzt überdies Bücher, in denen Sie uns androhen, eine "unkonventionelle Alte" zu werden (als hätten wir davon mit Brigitte Mira oder Inge Meysel nicht schon genug), und vergessen bei alledem, uns mit unvergesslichen Filmen zu beschenken. Mein Tipp: Lassen Sie das mit den Büchern, denken Sie nicht mehr an Maren Kroymann und die herben Vorwürfe der Eigenfetteinspritzung, cremen und salben Sie weniger, und machen Sie ordentliche Filme. Mit freundlichen Grüßen ...

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