Kultur : Lesezimmer: Zu still!

Auch wer nicht an einer Ausfallstraße wohnt, kennt dieses Gefühl. Auch wer sich noch nie als Gast in Michel Friedmans Talk-Show behaupten musste, weiß, wovon die Rede ist. Es ist alles zu laut in unserer Gesellschaft, überall. Wohin man seinen Fuß setzt, wohin man auch Zuflucht sucht - von überallher dröhnen Motoren, kreischen Nachbarn, singt Wolfgang Petry. Der Mensch unserer Zeit - so sagen alle aufrechten Kulturkritiker - leidet unter Phonstärken, die er meist selbst produziert. Doch je lauter es um uns herum schallt, desto brennender wird die Sehnsucht, aus diesem Hexenkessel des Redens, Rufens und Röhrens auszuscheren. So konnte es geschehen, dass die Stille zu einem durch und durch positiv besetzten Begriff wurde. Einmal Ruhe finden, einmal auf die innere Stimme hören und den (zumindest erhofften) inneren Reichtum erkennen - das sind die Traumvorstellungen, die heute nicht nur notorisch gestresste Manager überkommen, sondern auch den psychischen Haushalt des einfachen Feuilletonredakteurs oder der Kassiererin, die an der Easy-Listening-Berieselung in ihrem Supermarkt verzweifelt, in Beschlag nehmen.

Alles soll still sein - nur die Bücher dürfen das nicht. Hierhin ist der Wunsch nach Lautlosigkeit und Ereignisarmut noch nicht gedrungen. Neulich pries mir eine Lektorin mit warmen und wie immer kundigen Worten ein Manuskript an, das man sehr wohl ins Verlagsprogramm nehmen könnte und sollte... wenn dieser herzerwärmende Roman nicht ein Manko aufwiese, einen kleinen atmosphärischen Fehler, der seine Verkaufschancen leider stark einschränke: Er sei "zu still". Man komme zu spät "hinein", seine Exposition sei mit endloser epischer Geduld ausgeführt und zwinge den Leser für längere Zeit ins hintere Sofaeck, um dem mäandrierenden Erzählfluss angemessen folgen zu können.

"Stille" Bücher haben es seit alters schwer; sie stehen im Verdacht, gepflegte Langeweile zu verbreiten und nicht mit ausreichend Zerstreuungselementen aufzuwarten. Mit Schrecken malen wir uns deshalb aus, wie die Literaturagenten unserer Tage sich anschicken würden, uns für handlungsreduzierte Romane wie Theodor Fontanes "Stechlin" oder Eduard von Keyserlings "Abendliche Häuser" zu erwärmen. Die aktuellen Sellerlisten zeigen uns, dass die Literatur längst von einer Rundum-Kriminalisierung erfasst wurde. Ob Elizabeth George, Henning Mankell, Donna Leon, Petra Hammesfahr oder John Grisham - wer etwas auf sich hält, wendet sich dem Genre des Krimis oder Thrillers zu, weil er weiß, dass der an der Ödnis seines Bielefelder Zwei-Zimmer-Apartments leidende Leser zumindest in den Büchern am satten und prallen Leben teilhaben möchte - an einem Leben, in dem schon das Anzünden einer Zigarette höchste Verwicklungen und jähe Schießereien nach sich zieht.

Auf der anderen Seite freilich gibt es auch jene unerklärlichen Bucherfolge, die den Direktiven des Zeitgeistes nicht zu gehorchen scheinen. Sandor Marais "Glut" zum Beispiel, ein sechzig Jahre alter Roman, in dem sich zwei alte Menschen vor Kaminfeuer unterhalten und die Abgründe ihrer Biografien allein in der Ferne der Erinnerung auftauchen. Sie sind freilich selten, diese widerspenstigen Zeugnisse der leisen Töne. Sten Nadolny rief zwar - ein Jahr nachdem Helmut Kohl Kanzler wurde - dazu auf, die Langsamkeit zu entdecken, und alle selbst ernannten Welterklärer beten diese Formel in Sonntagsreden mit Bittermiene nach und stemmen sich der tosenden Zeit tapfer entgegen. Viel genützt hat das nicht, denn seien wir ehrlich: Langsam und still sollen die Bücher nicht sein. Abgesehen vielleicht von einem Genre, das seit einigen Jahren Konjunktur hat, das handliche Geschenkbändchen, das Cicero für Vorstandsvorsitzende und Hermann Hesse im Minutentakt resümiert. Und dann jene Titel wie der von Hanspeter Oschwald natürlich, dem ich mein liebstes Buch der Einkehr verdanke, den "Klosterurlaubsführer". Er erzählt mir, wohin ich fahren soll, wenn ich von Büchern, Kolumnen und Autoren genug habe, ins Benediktinerkloster Montecassino vielleicht, wo ich den "Ruf der Stille" hören werde. Allerdings lauern auch dort Risiken, wie Dom Vitorelli zu berichten weiß: "An dieser Stille sind schon viele gescheitert." Was das wiederum für das Schreiben und Verlegen von Büchern bedeutet, sei ein andermal erörtert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar