Kultur : Lest die Bibel!

Die Passion Christi – moralische Katastrophe oder Zeichen der göttlichen Liebe? Kritische Anmerkungen zu Mel Gibsons Film/ Von Wolfgang Huber

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Die neue Aufmerksamkeit für religiöse Themen ist in den Kern vorgedrungen, in die Geschichte von Leiden, Tod und Auferweckung Christi. Was sich in Deutschland vor einem halben Jahr an der Resonanz auf Eric Tills LutherFilm zeigte, bestätigt sich auch im Blick auf Mel Gibsons Passions-Film.

Diese ist ein gewaltiger Film. Aber gewalttätig ist er auch. Gewiss darf man den gewaltsamen Tod Jesu nicht verharmlosen. Aber dass man das nur noch zeigen kann, indem man die Grausamkeiten überbietet, an die Menschen sich im Fernsehen gewöhnt haben, will mir nicht in den Kopf. Wenn wir immer nur überbieten wollen, woran die Menschen sich gewöhnt haben, enden wir in einer unaufhaltsamen Spirale der Grausamkeit.

Ein Vergleich lässt mich nicht los. Das Berliner Holocaust-Mahnmal soll die unvorstellbare Größe der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen durch seine einmaligen Ausmaße gleichnishaft abbilden: 3000 Stelen aus Beton werden wir dort bald sehen. Ich respektiere die Entscheidung für Eisenmans Entwurf; aber ich hielt sie von Anfang an für falsch. Dem Leiden der Opfer werden wir nicht gerecht, wenn wir so die gewaltigen Ausmaße der Taten versinnbildlichen.

Auch Mel Gibsons „Passion Christi“ spiegelt den Größenwahn unserer Zeit. Solchen Größenwahn nennt die Bibel Sünde, das Seinwollen wie Gott. Um ihretwillen starb Jesus am Kreuz. Im Film werden die Täter jedoch so abstoßend gezeigt, dass niemand auf den Gedanken kommt, um der eigenen Sünde müsse Jesus dies erdulden. Es ist viel eher ein Film über die, die das Leid verursachen, als über den, der leidet.

Gewalttätig ist „Die Passion Christi“, aber auch gewaltig. Alles läuft zu auf das Bild der Mutter, die ihren toten Sohn im Schoß hält. Die Pietà heißt dieses Bild seit alters; manche mögen nicht mehr wissen, wie es zu deuten ist. Wer Mel Gibsons Film gesehen hat, wird es nicht mehr vergessen. Eindrückliche Rückblenden sollen eine Verknüpfung zwischen dem Leiden Jesu und seinem Lebensweg zumindest andeuten. Verbindungen zu Jesus als Kind, als Zimmermann, als Prediger, als Meister seiner Jünger lassen sich ahnen. Aber solche kurzen Sequenzen versinken in einem Meer von Blut, so wird die Leidensgeschichte von Jesu Lebensgeschichte isoliert.

Schon darin liegt eine Deutung. Der Film aber tritt mit dem Anspruch auf, sich aller Deutung zu enthalten. „Authentisch“ sei die Darstellung, sie beruhe auf historischen Quellen. Das führt in die Irre: Auch diese Quellen sind gedeutete Geschichte. Vier Evangelien enthält das Neue Testament – und nicht nur eines. Johann Sebastian Bach wäre nicht auf die Idee gekommen, einfach eine „Passion“ zu komponieren. Er hielt sich an die verschiedenen Evangelien mit ihrer je unverkennbaren Farbe. Mel Gibsons Film dagegen beruht auf einer Evangelienharmonie. Die historische Genauigkeit erhöht sie nicht.

Auch die Entscheidung, alle Dialoge in aramäischer oder lateinischer Sprache führen zu lassen, vermittelt nur den Anschein des Authentischen. So wird das Gespräch zwischen Jesus und dem römischen Prokurator Pontius Pilatus auf Lateinisch geführt: Dass Jesus, der Jude aus Galiläa, die Sprache der römischen Besatzer gesprochen habe, ist freilich unwahrscheinlich.

Der israelische Schriftsteller Amos Oz hat einmal das Verhältnis beschrieben, das er als Jude zum „Rabbi Jesus“ hat: „Ältere Verwandte von mir, jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa, wenden jedes Mal den Blick ab, wenn sie an einer Kirche vorüberkommen. (...) Als Kind habe ich oft nach Jesus gefragt, bekam aber allenfalls widerwillige Antworten. (…) Mit acht oder neun Jahren kam ich einmal aus der Schule nach Hause und offenbarte der Großmutter meine neueste Erkenntnis: Jesus sei in Wirklichkeit ein Jude gewesen. Ich habe erwartet, sie würde sofort heftig widersprechen, aber sie sagte nur betrübt: ‚Mir wäre es lieber, er wäre keiner gewesen. Seit Tausenden von Jahren gibt man uns Juden die Schuld an dem Unglück, das er sich selbst eingebrockt hat.’“

Für Glieder des jüdischen Volkes ist es bis heute schwer, darüber zu sprechen, dass die Christen die Schuld am Tod des Rabbi Jesus den Juden zuschrieben: nicht nur dem jüdischen Volk jener Zeit, sondern aller Zeiten. Ihm wurde der Ruf des Matthäusevangeliums zugeschrieben: „Lass ihn kreuzigen“, und im selben Evangelium der Satz: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“

Es bleibt auch schwer nachzuvollziehen, wenn Christen zwar die Heilsbedeutung dieses Kreuzestodes behaupten , sie aber gleichwohl diesen für sie so heilsamen Tod als ein schuldhaftes Geschehen ansehen. Wem diese Schuld zuzuschreiben sei, duldete über lange Zeit keinen Zweifel: nicht so sehr der römischen Besatzungsmacht, deren Vertreter Pontius Pilatus erklärt hatte: „Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu“, sondern eben dem jüdischen Volk.

In diesem Deutungskonflikt tritt uns entgegen, inwiefern dieser Tod Züge einer moralischen Katastrophe angenommen hat. In der Geschichte des Christentums wurde er als Erfüllung des Heilsplans Gottes dargestellt; zugleich wurde die Ursache dafür nicht im Willen Gottes selbst, sondern in der Bosheit derer gesehen, die Jesu Tod herbeiführten: der römischen Besatzungsmacht, der Jerusalemer Lokalaristokratie, des jüdischen Volkes. Dabei verschob christlicher Antijudaismus die Verantwortung immer stärker hin zum Volk Israel, in allen Generationen seitdem.

Jede heutige Darstellung der Leidensgeschichte Christi muss sich mit der Wirkungsgeschichte dieser antijüdischen Deutung auseinandersetzen. Mel Gibsons Film muss man nicht unterstellen, dass er antijüdisch oder antisemitisch sei. Aber die Gefahr, dass er antisemitische Gefühle bestärkt, ist nicht von der Hand zu weisen. Gegen eine solche Wirkung enthält er nicht die nötigen Gegenkräfte. Zwar erfährt die Gewalt der Jerusalemer Autoritäten jener Zeit differenzierte Antworten in den Gesichtern der Augenzeugen. In ihnen zeigen sich nicht nur Zustimmung oder fanatische Unterstützung, sondern auch Mitleid und Empörung. Dennoch gewinnt der aus dem Johannesevangelium übernommene Satz des blutüberströmten Jesus an Pilatus Tragweite: „Der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.“ Ein solcher Satz wird freilich überzeichnet, wenn er aus dem geschichtlichen Zusammenhang gelöst wird. Die neutestamentlichen Evangelien stammen von judenchristlichen Autoren. Sie spiegeln einen innerjüdischen Konflikt. Das Gesamtzeungis des Neuen Testaments rechtfertigt es gerade nicht, diesem Satz eine Verurteilung des jüdischen Volkes zu entnehmen. Der Film stellt sich solcher Verurteilung nicht mit der nötigen Klarheit in den Weg.

Die antijüdische Verkehrung im christlichen Verhältnis zum Kreuzestod Jesu lässt sich nur überwinden, wenn Jesu Weg ans Kreuz als Konsequenz seines Lebens gesehen wird. Es ist dafür nötig, eine verbreitete Zweiteilung in der Wahrnehmung Jesu zu überwinden. Immer wieder wird scharf getrennt zwischen dem Jesus, der in Galiläa unterwegs ist, Menschen um sich sammelt, Kranke heilt, und das Evangelium von Gottes Reich verkündigt, und dem Christus, dem fleischgewordenen Wort Gottes, das für die Sünden der Menschheit ans Kreuz geschlagen und am dritten Tage auferweckt wurde.

Ich habe die Vorstellung, Gott sei auf ein Menschenopfer angewiesen, um den Menschen sein Heil zuteil werden zu lassen, mit meinem Glauben an Gottes Güte nie vereinbaren können. Diese schon im 12. Jahrhundert von Anselm von Canterbury vertretene Auffassung sagt, Gott lasse seinen Zorn nur besänftigen, indem ein Mensch sein Leben verliere. Enthält dieses Bild von einem rachsüchtigen Gott nicht einen Angriff auf Gottes Ehre? Unsere Generation, die die Aufgabe hat, eine Theologie „nach Auschwitz“ zu entwickeln, muss hier neue Wege gehen.

Dazu aber ist es nötig, den inneren Zusammenhang zwischen dem Leben Jesu und seinem Tod nachzuzeichnen. Der Ansatzpunkt liegt in der Verkündigung und der Lebenspraxis Jesu. Er ruft Menschen zum Glauben und versetzt sie so in die Gegenwart Gottes. In die Gegenwart Gottes versetzt zu sein, heißt: in der Freiheit leben zu können. Das zeichnen die Evangelien bis in den freien Umgang mit dem Gesetz – das Ährenraufen am Sabbat – , in die Freiheit von körperlicher Versklavung – die Heilung des Gelähmten – oder in die Freiheit der Mahlgemeinschaft Jesu – die Gemeinschaft mit Zöllnern und Sündern – nach. Die Radikalität der Bergpredigt ist Ausdruck dieser Freiheit.

Der so redet und lebt, riskiert sein Leben. Für das religiöse wie für das politische Establishment wird er zum Störfaktor. Die Absicht, ihn aus dem Weg zu räumen, ist kein Irrtum, sondern Protest gegen die Botschaft vom bejahenden Gott. Diese Protesthandlung tritt freilich ungewollt in den Dienst der Botschaft. Für den Glauben wird der Kreuzestod, durch Jesu Auferweckung bekräftigt, zum Unterpfand für die Botschaft von Gottes bedingungsloser Liebe. „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ – so kommentieren Johann Sebastian Bachs Passionsmusiken dieses Geschehen. Sie sind in einem tiefen Sinn weit authentischer als Mel Gibsons lauter Film.

Die gelegentlichen Rückblenden ändern nichts daran, dass der Film die Passion Jesu von seiner Lebensgeschichte trennt. Er fällt in die alte Zweiteilung zurück, die theologische Einsicht überwunden glaubte. Dadurch verdunkelt er das Besondere des Sterbens Jesu genauso wie durch die Maßlosigkeit der Gewaltdarstellungen. Wer Gibsons Film ratlos, ja verstört verlässt, sollte sich dorthin wenden, wo eine Deutung des Geschehens eher zu finden ist: in den Evangelien selbst.

Der Autor ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands und Bischof von Berlin und Brandenburg.

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