Kultur : Lest Romane!

FRANK NOACK

Ganz schön raffiniert, dieser Gary Ross! Der Autor der Politkomödie "Dave", der nebenbei auch Reden für Bill Clinton geschrieben hat, ergreift in seinem Regiedebüt "Pleasantville" Partei für Clinton und wendet sich dabei an die Gemeinde von Kenneth Starr.Ihm scheint es zunächst darum zu gehen, in bester Spielberg-Manier die gute alte Zeit herbeizusehnen, in der es noch keine Ehescheidungen und keine gepiercten Mädchen gab.Der jugendliche Protagonist David (Tobey Maguire), angewidert von der schmutzigen Gegenwart, schaut sich nachmittags immer die alte TV-Serie "Pleasantville" an und würde am liebsten mitspielen.Wenn dort der Vater nach Hause kommt, steht die perfekt zurechtgemachte Mutter mit einem Glas Wasser in der Tür, und die Feuerwehr ist nur dazu da, um Katzen vom Baum zu holen.In diese heile Welt werden David und seine frühreife Schwester Jennifer (Reese Witherspoon) hineinversetzt, als der Fernseher sie regelrecht aufsaugt.

Doch sind die beiden jetzt am Ziel ihrer Wünsche? Natürlich nicht, denn dann wäre die Botschaft zu simpel.Wie die Geschwister bald feststellen, ist die Welt von Pleasantville unnatürlich heil.Bücher werden prinzipiell nicht gelesen.Es gibt keine Toiletten.Alles ist schwarzweiß.

David und Jennifer beschließen, Leben in den Ort zu bringen.Und damit kommt die Farbe.Blumen, Kleidung, Gesichter - alles nimmt Farbe an.Die Natur macht sich bemerkbar, es regnet in Pleasantville.Und von Jennifer beeinflußt, entdeckt die Mutter (Joan Allen) die eigene Sexualität.Als sie in der Badewanne masturbiert, fängt der Baum vor dem Haus an zu brennen.Eine Katastrophe jagt die andere: Angestellte reichen die Kündigung ein, Ehepaare kaufen sich Doppelbetten, Jugendliche leihen sich Romane aus, Mütter gehen fremd.Die wenigen anständigen Bürger, die schwarzweiß geblieben sind, holen zum Gegenschlag aus, sie verbrennen Bücher, werfen Fensterscheiben ein und verstoßen die farbigen Bürger.Doch der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten.

Bei den Reformen, die David und Jennifer in Pleasantville durchsetzen, handelt es sich um sehr zaghafte.Die Einwohner sind am Ende immer noch hellhäutig und heterosexuell, es gibt keine Rocker und keine Hippies.Doch gerade wegen der Harmlosigkeit der Reformen erscheint der Kampf der Schwarzweißen gegen die Farbigen so schockierend."Pleasantville" ist ein konservativer Film, der vor den übelsten Auswüchsen des Konservatismus warnt.Ross macht es jedem recht: Sein Film ist provozierend und gefällig zugleich.Einer Doppelkarriere in Hollywood und im Weißen Haus steht jedenfalls nichts mehr im Wege.

Auf 16 Berliner Leinwänden, Olympia am Zoo (OmU)

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